Der böse Wolf?



Das Internet ist voller Fallen. Unter dem Deckmäntelchen der Anonymität wird gelogen, dass sich die Balken biegen, wird betrogen, wird abgezockt und Schlimmeres. Immer wieder hört und liest man von Mädchen, die auszogen um das große Glück zu finden und die nie wieder gesehen wurden. "Zuletzt pflegte sie rege Kontakte über eine Internetplattform" heißt es dann oft. Eine heiße Sache dieses Internet. Der böse Wolf des 21. Jahrhunderts. Bloß die Finger davon lassen. Sperr die Tür zu und leg die Kette vor. Weiß man doch alles. Man ist ja nicht von gestern und man ist ja nicht bescheuert.

Und was macht man, wenn man richtig einsam ist? Wenn man zuhause sitzt und in Ermangelung eines Babysitters keine Chance hat, abends auszugehen und Leute zu treffen? Wenn man den einen großen Scherbenhaufen gerade hinter sich gelassen hat und – obwohl man dachte, für immer geheilt zu sein – irgendwie Lust auf einen neuen Scherbenhaufen hat?
Richtig. Man wirft alle Vorbehalte mit Schwung über Bord und schaltet den Computer ein.

Zuerst werden alle im Netz auffindbaren, einschlägigen Seiten beschnuppert. Die meisten sind haarsträubend und man ist sich im Klaren: alles Mist. War ja klar. Da wird gelogen, betrogen und Schlimmeres.
Und dann plötzlich hat man ein Userprofil am Monitor, bei dem man irgendwie hängen bleibt. Irgendetwas ist da anders. Was? Keine Ahnung. Das Bild ist nett. Der Text ist nett. Die Eigenbeschreibung ist so bescheiden. Der Kerl wirkt so … hmmm. Ich weiß nicht … der ist gar nicht wie die anderen, die behaupten, sie wären so reich und so schön und so unglaublich extravagant und so extrem sportlich und so verständnisvoll und erfolgreich und das alles. Eigentlich sieht er einfach nur nett aus (ok, das Foto ist ein bisschen dunkel, man braucht schon Fantasie) und wenn man sich seine Eigenbeschreibung so durchliest, bleibt zusammengefasst nur ein kleines, leises "Hallo? Ist da jemand?".
Da kommt eigenartiger Weise so etwas wie Sympathie auf. Auf was hin? Ein dunkles Foto und ein kleines "hallo?", mehr ist da nicht. Gibt es das? Dass übers Internet etwas greifbar wird? Dass was rüberkommt? Quatsch. Totaler Quatsch. Genau das ist es, auf was die Mädels reinfallen und dann findet man sie im Wald wieder. Als Hintergrundmusik würde da wohl "Jeany" von Falco gut passen ...

Computer ausschalten und ab ins Bett. Ohnehin schon wieder viel zu spät geworden. Und dann liegt man im Bett und denkt drüber nach. Schon eine komische Sache. Was war da dran? Da bieten sich im Internet hunderttausende Kerle strahlend von ihrer vermeintlich besten Seite an und dann ist da dieser Typ mit seinem zaghaften "Hallo?" und man kann gar nicht recht einschlafen.
Gut. Raus aus dem Bett, Computer an und das Ganze noch einmal. Wort für Wort das Profil auseinander nehmen. Jeden Buchstaben 2 x umdrehen, das Bild runterladen und versuchen, es im Photoshop aufzublasen. Kontrast erhöhen. Heller machen. Scharfzeichnen. Aha. Die automatische Tonwertkorrektur bringt es ans Licht. Im Hintergrund, in einer ganz finsteren Ecke, man hätte es mit freiem Auge nie entdeckt, ist fein säuberlich Wäsche aufgehängt. Sehr ordentlich. Nein, keine weiblichen Wäschestücke zu erkennen. Und dann wieder der Blick ins Gesicht – und dann glaubt man zu wissen, was es war, das einen angesprochen hat. Das ist einfach ein ganz Lieber. So, wie der guckt … und da hinter ihm … alles so ordentlich … und schon beginnt man, sich selbst zu überlisten: Najaaaa, warum gehen eigentlich immer alle davon aus, dass sich in diesen Partnerbörsen nur gewaltbereite Psychopathen herumtreiben? Ich meine: Ich bin jetzt doch auch hier und von mir weiß ich ganz bestimmt, dass ich ungefährlich bin. Warum sollte nicht der eine oder andere genau so harmlos sein wie ich?

Tagelanges Grübeln, erstes Anschreiben. Sinnloses Gestammel. Irgendwas von wegen: Nettes Bild! Du kommst aus XY? Wie lange bist du schon in Wien? (Was für ein Schwachsinn! Stand doch alles in der Beschreibung! Aber, was soll's? Irgendwie muss man ran. Analoge Anmache ist ja auch nicht gerade immer originell!)
Darauf folgt banges Warten. Kommt was zurück? Was kommt zurück? Will man überhaupt, dass was zurück kommt? Und während man noch mit weichen Knien an den Nägeln kaut und denkt: "Mein Güte – jetzt bin ich vollkommen schwachsinnig geworden! Ich schreibe wildfremde Männer im Internet an!?" und bereut, dass man die E-Mail tatsächlich abgeschickt hat, macht es "Pling" und man hat Antwort.

Tief durchatmen! Nicht aufregen! Einfach mal reinschauen … und "Zack" ist man in einen regen Mailverkehr verstrickt, der einen an den Computer fesselt. Wenn länger als 2 Stunden keine neue Mail da ist, geht man im Kreis, überlegt, ob es das schon war. Ob er inzwischen ein heißeres Eisen gefunden hat. Und wenn dann die nächste Mail reinkommt, nimmt man sie - wie alle vorangegangenen auch - komplett auseinander. Durchforstet sie auf Widersprüche, wertet die Antworten auf die Fangfragen aus, die man so raffiniert eingeflochten hat und klimpert schon die Antwortmail in die Tastatur.

Ein neuer Lebensinhalt ist entstanden. Abrufen, abrufen, abrufen, abrufen – "Pling" – lesen, antworten, abrufen, abrufen …

Und dann kommt der große Moment. Mit Herzrasen merkt man mal so nebenbei an, dass man heute zufällig ohne Kind ist und dass man unglaublich Bock hätte, mal auszugehen und ob man nicht ("Keine Bange, man sei kein männerfressendes Ungeheuer! Ha, ha, ha, …!") einfach mal so ein Achterl zusammen trinken könnte?

Schweißausbrüche, schweres Bereuen, Angstzustände und banges Warten auf Antwort. Plötzlich ist das Internet wieder voller gewaltbereiter Psychopathen und Mama hatte Recht und man muss ja von Sinnen sein! "Pling" – Antwort! Und dann wählt man die Telefonnummer, die da in der Mail stand und man gibt sich sehr cool und stammelt kaum und dann merkt man, dass der am anderen Ende noch mehr Angst hat, als man selbst und dann schlägt der Wahnsinn vollends zu und man verabredet sich.

Ja, und dann geht's los. Kleiderschrank 2 x durchprobieren, Makeup 2 x wieder runter und wieder rauf, und das Wichtigste: Man lässt sich von dem Fremden ein scan des Führerscheins ("Alle Seiten bitte – du musst verstehen!") schicken und zwar binnen 10 Minuten, damit keine Zeit zum Retuschieren bleibt. Und die Mail mit den Scans druckt man dann aus und steckt sie mit einem kurzen Erklärungsbrief in ein Kuvert, das man verschlossen der Nachbarin gibt und die Nachbarin instruiert man dann, dass sie das Kuvert zur Polizei bringen soll, wenn man sich bis 1 Uhr früh nicht bei ihr zurückgemeldet hat. Dann bringt man das Kind bei einer Freundin vorbei, die einem beglaubigt, dass man nicht alle Tassen im Schrank hat und dann taumelt man mit weichen Knien in das Lokal, in dem man verabredet ist.

Mein Gott, das Foto war so dunkel und man kann doch Personen nach Fotos ohnehin so schlecht wieder erkennen und das eigene Foto, das man geschickt hat, war knapp 10 Jahre alt (das hatte man aber auch deutlich zur Kenntnis gebracht!).
Und während man noch im Begriff ist im Boden zu versinken, weil man alle Männer im Gastgarten ein bisschen komisch von der Seite ansieht, entdeckt man ihn. Ein ganz kleines Zeichen hat er gegeben. Mit einem einzigen Finger, der kurz aus dem nervös verknoteten Fingerknäuel vor dem Kinn gehoben wurde und es sah aus, wie ein kleines, leises "Hallo?".
Und dann setzt man sich schwungvoll dazu; tut so, als hätte man keine Angst, als würde man so etwas jeden Tag machen und plaudert munter drauf los. "Hach, ich wäre fast zu spät gekommen, schwer zu finden, aber ein traumhaft schöner Gastgarten! Bist du hier öfter? Ja, ein Bier bitte! Genau richtig! Hast du gesehen, was draußen auf der Speisekarte steht? Ich glaube, ich nehme …"

Ja. Das war die Geschichte von der Liebe aus dem Internet. Irgendwann im April sind das zaghafte "Hallo?" und ich 6 Jahre zusammen und es ist die schönste Beziehung, die ich je hatte. Der liebste Mensch, dem ich mich jemals anvertraut habe, der beste "Vater", den meine Kleine nur bekommen konnte.

Und wisst ihr, was ich meiner Kleinen sagen werde, wenn sie ein bisschen älter ist? "Pass auf, mein Schatz, das Internet ist voller böser Wölfe!" Und sie wird sagen: "Jaaaaaa, Mama!" und wird mit den Augen rollen.

Kommentare:

  1. :-) schöne Geschichte.

    Danke für die Einblicke und Grüße an den großen bösen Wolf *lol*

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  2. :-)
    Von mir auch ganz liebe Grüße. Was sich da nicht alles tut, im großen, weiten Netz :D

    Die Geschichte hab ich übrigens neulich zufällig wieder gehört...immer wieder schön, ja.

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  3. ich habe mich damals ziemlich darüber gefreut, dass sie im radio so schön präsentiert wurde. :^)

    die grüße werden gerne weitergeleitet! :^)

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  4. "deine kleine" alias dreiäügiger Muffin:
    Cool, gefällt mir sehr wie du das beschrieben hast^^.

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  5. wow, super geschrieben!
    lg an den wolf, rotkäppchen :)

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  6. ... und mittlerweile sind es 11 Jahre.

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  7. Wahnsinn!
    Ich freue mich für euch, dass es schon so lange hält!
    Und was Du schreibst, kenne ich nur zu gut, diese ewige Unsicherheit und das zwiegespaltene Hin- /Hergedenke: "Soll ich oder lieber nicht? Könnte ja gefährlich sein".
    Das mit dem Führerschein ist ja der Knaller!
    Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen.

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  8. Die Idee war nicht von mir - die hatte ich aus einem Fernsehkrimi.
    ;^D

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Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!