Fotomarathon 2007

Ein Erfahrungsbericht für Interessierte und für jene, die darüber nachdenken, an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen
-oder-
zu kurz: Der längst Tag in meinem Leben



9.30 Uhr
Bruno, gröj, steff und ich treffen im Rathaus ein, holen unsere Ausstattung (je eine Tasche mit Speicherkarte, Startnummer, allerlei Werbematerial, Stadtplan, usw). Der Wetterbericht hatte von Regen und kräftigem Wind geunkt. Nicht mit uns - das Wetter ist herrlich.



10.00 Uhr
Wir bekommen die Liste mit den Aufgaben/Motiven. Wir haben 12 Stunden Zeit, pro Aufgabenstellung ein Bild zu Stande zu bringen. Erschwernis: die Bilder müssen in der Reihenfolge auf der Karte sein, in der sie auf der Liste stehen. Lächerlich. Ein Kinderspiel. Kinkerlitzchen. Machen wir doch mit links und so. Und wenn man sich die Bilder vom Vorjahr ansieht ... *abwink*. Wer von uns 4en wird nach Kenia fliegen? Das erste Bild, die eigene Startnummer, ist gleich im Kasten.

800 grimmig blickende, siegessichere Teilnehmer brechen mit Rucksack, Kamera um den Hals und Stativ zwischen den Zähnen auf zum ersten ortsgebundenen Motiv, das auf der Liste steht. Auf dem Weg dorthin können die beiden (nicht ortsgebundenen) Themen erledigt werden.


Motiv 1 Bewegung



Wir erreichen die Ringstraße. Autos, Straßenbahnen, Radfahrer, Fiaker ... also bitte: Alles dreht sich, alles bewegt sich. Da kann man sich ja gar nicht entscheiden. Wir suchen uns ein freies Plätzchen (die Konkurrenz liegt schon kampflustig auf den Schienen und hängt schussbereit von den Bäumen - alles in Trauben).
Ergebnis: Fiaker unscharf, Straßenbahn zu schnell, Radfahrer biegt kurz vor mir ab, beim Bus läuft mir eine Touristengruppe ins Bild, beim Auto ist der Hintergrund sch**** und ... die Zeit läuft. Die Zeit läuft davon. Aber das ahnen wir an dieser Stelle noch nicht. Es ist inzwischen recht windig geworden.
Mir fällt ein, dass die Bilder, die im Vorjahr von den Startnummern gemacht wurden, schon ein bisschen bemüht waren, also nicht einfach abfotografiert und ich drücke beherzt auf "alle Bilder löschen". Ich fange von vorne an. Das Bild von meiner Startnummer ist jetzt ganz nett geworden. Ich kullere erneut über den Asphalt, kniee mich in Grünstreifen, jage Straßenbahnen, Fiaker und Autos. Die breite Masse beginnt sich zu zerstreuen, das aboutpixel-Team nimmt erste Sichtungen am Display vor, ich bin bereits im Rückstand. Wir ziehen weiter. Im Gehen schon die ersten Bildlöschaktionen, leichte Unzufriedenheit mit den Ergebnissen. Egal. Wird schon. Die restlichen 23 Bilder werden das aufwiegen. Werden ja alle super!


Motiv 2 Das Leben ist ein Spiel



Na, das haben wir doch gleich, das kann ja nicht so schwer sein. Wir erreichen nach kurzer Straßenbahnfahrt den Schwarzenbergplatz, den Ort, an dem die dritte Aufgabe zu lösen ist, weil wir der Meinung sind, dass wir uns auf jeden Fall schon in die Richtung bewegen sollten. Man sollte ja keine Zeit verlieren. Es ist noch früh am Vormittag, aber wir wollen ja bald fertig sein. Man muss ja nicht bis 22.00 Uhr machen. Vor allem bei dieser Wetterprognose. Auf dem Weg dorthin lässt sich das Motiv, das auf der Liste davor noch steht, sicher mitnehmen. "Das Leben ist ein Spiel" - was man uns damit eigentlich sagen will? Erste Wolken ziehen auf.
Ok. Es wird eine Notlösung. Wie viele Teilnehmer vor uns auch, stürzen wir uns auf den Kiosk nahe dem Schwarzenbergplatz, kaufen Lose, fotografieren die Lottowerbung und werfen die Lose weg, die wir eifrig fotografiert haben und die keinen Gewinn brachten. Ein böses Omen?


Motiv 3 AWD - Geld regiert die Welt



AWD - ein Finanzberater und Sponsor des Marathons. Auf der Papiertasche, die wir beim Start bekommen haben, prangt groß das Logo der Firma. Außer mir, die ich als alte Müllsammlerin bekannt bin, haben alle anderen vom aboutpixel-Team diese Tasche gleich nach dem Start entsorgt. Mein plötzchlich begehrtes Exemplar wird aus dem Rucksack gezogen, glattgestrichen, auf die Motorhaube eines fremden, schwarzen Mercedes gestellt. Geldscheine werden dazudrapiert, ein Foto nach dem anderen wird gemacht. Bruno hat ein respektables Bild im Kasten. Sehr edel. Mercedesstern, Geldscheine und darunter, im Lack, nur die Spiegelung der Tasche mit dem Logo. Erste Spannungsgefühle kommen in mir auf, ich schwitze in meiner dicken Jacke, die Sonne ist wieder rausgekommen, ich habe die Hände voll und das falsche Objektiv an der Kamera.
Eine offensichtlich gute betuchte junge Dame passiert uns, wie wir uns da vor dem Mercedes wälzen und ich hoffe, dass es nicht ihrer ist und sie die Polizei ruft. Das Baby, das sie im Luxuskinderwagen vor sich her schiebt, trägt goldene Schuhe. Ich habe das Teleobjektiv an der Kamera und "zack" - ja, ich habe es! Das Foto ist fast scharf, das Motiv ein Knüller zum Thema. Naja, das AWD-Logo ist nicht drauf, aber was soll's. Hatte ja keiner gesagt, dass das drauf sein muss. Oder? Die Wolkendecke hat sich inzwischen geschlossen.


Motiv 4 Architektur rund um den Schwarzenbergplatz



Na, die gibt es ja reichlich. Wir erreichen den Schwarzenbergplatz. Die Sonne ist weg. Der doch recht stramme Wind weht ständig Haarsträhnen vor's Objektiv, das Einstellrad an der Kamera wird zum Lockenwickler. Ich zeige erste Zeichen von Stolzverlust und krame die Haarklammer aus dem Rucksack. Pfeif drauf, bei dem Wetter sitzt die Frisur ohnehin nicht mehr und das hier ist auch kein Schönheitswettbewerb. Es gibt am Schwarzenbergplatz bei näherer Betrachtung wohl doch nur 1 interessantes Gebäude. Es ist eingezäunt. Den Zaun sieht man aber heute nicht, da er auf voller Länge von Menschen mit im Wind flatternden Startnummern verdeckt ist, die sich in allen erdenklichen Körperhaltungen verdrehen und ihre Stative hin- und her rücken. Nahe an den weltberühmten Hochstrahlbrunnen kann man heute mit der Kamera nicht, da der Wind die ganze Umgebung der Fontäne zum Regengebiet macht. An den permanent roten Fußgängerampeln am Areal des Schwarzenbergplatzes stauen sich Menschen mit Startnummern, Stativen und Rucksäcken. Man beäugt sich argwönisch. Ich entdecke am anderen Ende des Platzes ein eingerüstetes Gründerzeitgebäude mit Kran. Das werden wir uns mal herzoomen. Ach, was bin ich kreativ! Ich bin zufrieden. Mit der Idee. Nicht mit dem Bild, wie ich am Display sehe, als wir schon am Weg zum nächsten Punkt, zum Naschmarkt sind.


Motiv 5 Typen am Naschmarkt



Wir sind schnell da. Es ist ja nicht weit. Ich liebe den Naschmarkt. Eine ganz besondere Atmosphäre, besondere Menschen, eine eigene Welt - Unmengen von "Typen". Das wird easy. Der Naschmarkt ist heute wie ausgewechselt. Man sieht heute kaum Gesichter. Nur Kameras. Jeder hält auf jeden. Ich präsentiere gröj und steff stolz meinen "Typen" auf meinem Display: einen Marathon-Teilnehmer mit Filzhut, der mit leicht entglittenen Gesichtszügen seine Beute am Display sichtet. Gröj und steff zeigen mir wortlos ihre Displays. Ok. Kann ja passieren, dass zufällig 3 Personen das selbe Bild machen. Langsam stellt sich Hunger ein. Das Frühstück im Rathaus (es wäre im Startgeld inbegriffen gewesen) war uns durch die Lappen gegangen. Wir finden einen freien Tisch. Kaum sitzen wir, erscheint der Naschmarktfuzzi mit seinem langen schmutzigen Bart und dem Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten. Er hält die Hand auf und will einen Euro, bevor er fotografiert wird. Ich glaube, er macht heute von allen Händlern am Naschmarkt das beste Geschäft. Der Wirt erscheint und vertreibt ihn zum x-ten Mal mit hochrotem Kopf und Schaum vor dem Mund. Unsere Bestellung nimmt er nicht auf. Seit dem Schwarzenbergplatz ist uns klar, dass wir nicht besonders gut in der Zeit liegen. Bruno findet auf der Speisekarte nichts vegetarisches, das sie gerne essen würde, ich sehe vor meinem inneren Auge ständig eine Sanduhr eingeblendet, die gnadenlos Unruhe verursacht. Wir schaffen es, dass der arme steff und der arme gröj resigniert und mit knurrenden Mägen die Speisekarte weglegen. Wir kaufen Brötchen mit Fisch und ohne Fisch und verschlingen sie an einem Stehtisch. Noch schnell (mit einer Hand, in der anderen halte ich das Fischbrötchen) eine Dame portraitieren, die gerade verträumt in ihr Glas guckt. Hinter einer Glasscheibe. Egal. Besser als Nichts. Auf zum nächsten Thema, wir haben noch viel vor uns:


Motiv 6 süß-sauer



Vor einem Restaurant sitzt ein Mann, der auf seinem Teller ein kleines asiatisches Gericht hat. Soweit ich sehen kann, ist es ein einzelnes gebackenes Wun-Tun mit Sojasauce. Er isst es nicht. Er hält drauf. Genau kann ich es aber nicht sagen, er war nämlich umringt von Menschen, die draufhielten. Das Fischbrötchen ist zu wenig, ich schlüpfe in die Bäckerei. Neben mir steht eine Frau mit einer Zitrone in der Hand, die fieberhaft die Kuchenstücke in der Vitrine mustert. Dass an ihrem Rucksack eine Startnummer hängt, muss ich wahrscheinlich nicht erwähnen. Beim Verlassen der Bäckerei schnappe ich einen Gesprächsfetzen auf: "Cola-Zitrone, Cola-Zitrone! Das ist es!" Wie ein Echo höre ich Sekunden später, wie ein sehr nervöser junger Mann einige Meter entfernt "Cola-Zitrone, Cola-Zitrone!" an seine Freundin weitergibt. Ich fotografiere bei einem Marktstand ein Kistchen Zitronen, das neben einem Kistchen Ananas steht und ich frage mich, ob diese Ananas wohl süß sind. Es hat begonnen zu regnen. Der Chinaladen ist voll, da komme ich nicht mehr rein. Ich fotografiere auf Gut Glück mit dem Tele bei der Tür rein. Ob die Waren, die ich da im Regal erwischt habe, süß oder sauer sind, interessiert mich eigentlich nicht mehr. Gröj und steff vertilgen inzwischen Krapfen mit sauren Gurken. So weit ich sehen konnte, wurden sie dabei nicht von feindlichen Motiv-Jägern erwischt. Ich verzichte dankend auf die angebotene Kostprobe. Mir ist schlecht. Bruno hat inzwischen für einen Punkt, der auf der Liste noch in weiter Ferne liegt, einen Kürbis erstanden und in ihren Rucksack gestopft. Es regnet jetzt richtig. Ich habe den Schirm in der einen Hand, das Käsegebäck in der anderen und das falsche Objektiv an der Kamera, die an meinem Hals baumelt.


Motiv 7 Spittelberg



Der Spittelberg ist eine Ecke von Wien, die sich dem Kunstahndwerk, der Kunst und der Gastlichkeit verschrieben hat. Sehr hübsch. Alte, kleine Häuschen, verwinkelte Gassen, ein Lokal am anderen. An einem lauen Sommerabend sprüht das ganze vor Leben. Samstag Mittag im Regen ist es hingegen eine eher triste Angelegenheit. Die einzige wetterfeste Attraktion ist ein kleiner alter Brunnen, der lustig vor sich hin wasserspeit. Ich verzichte darauf, zu beschreiben, dass man schon ein bisschen warten musste, wenn man ihn fotografieren wollte.
Und, ja: Auch ich habe diesen Brunnen fotografiert.
Und, ja: Ich schäme mich dafür.


Motiv 8 heute - morgen



In Anbetracht der Gesamtsituation klettert mir "no-future-Stimmung" den Nacken hoch. Ich manifestiere diese Stimmung, indem ich ein Foto von einem Körbchen mit Programmheftchen mache, das vor einem Theater steht. Bei einem Heftchen ist die Seite 8./9. September aufgeschlagen. Regennass. Ich stoße wieder zum aboutpixel-Team, das noch am Thema "Spittelberg" nagt und verkünde, dass wir zum übernächsten Thema übergehen können. Entgeisterte Blicke. Oh, süßer Triumph! Wir verlassen den Spittelberg. Es hat aufgehört zu regnen, die Sonne kommt raus. Nur nicht drüber nachdenken.


Motiv 9 Musik in Wien



Es gibt Musik in Wien. In Wien gibt es an jeder Ecke Musik. Bei Schönwetter. Heute regnet es.


Motiv 10 Urlaub in Afrika



Ja, das wäre schön. Wir stehen aber auf der Mariahilferstraße in Wien. Es regnet wieder. Die Interessen der Gruppe teilen sich in "heute-morgen", "Musik in Wien" und "Urlaub in Afrika". Ich fotografiere ein Konzertplakat mit einem schwarzen Musiker und bin mir nicht sicher, ob ich es der Jury als "Musik in Wien" oder als "Urlaub in Afrika" andrehen soll. Wir beschließen in Anbetracht der Wetterlage, uns Richtung nächstes ortsgebundenes Motiv zu bewegen und den Rest auf dem Weg dorthin zu erledigen. Die Methode kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht auf Taktisches konzentrieren. Seit dem Spitelberg zeigt meine Kamera "Akku halb leer" an und ich bin dabei zu löschen, was zu löschen ist. Was, wenn der Akku und ich bis zum letzten Motiv durchhalten und ich dann die überzähligen Bilder nicht mehr löschen kann, weil der Akku die Hufe hochreisst? Auf der Karte müssen 25 Bilder sein. Nicht mehr und nicht weniger. Dass ich um 2 Punkte vor den Anderen liege, verbessert meine Stimmung unter diesem Aspekt nicht mehr wirklich. Ich schnappe Gesprächsfetzen auf, die mit "abhängen" und "sabbottieren" zu tun haben, was meine Stimmung sofort wieder hebt. Ich beschließe, mit einem einzigen Mal Auslösen pro Motiv die gesamte restliche Liste abzuarbeiten und demnächst nach Kenia zu fliegen.


Motiv 11 Q19 - ist mehr als shopping



Klar. Wenn ich ein Shoppingcenter bin, ein bisschen ab vom Schuss liege und die Möglichkeit habe, mit einem Schwung 800 Personen in mein Haus zu zwingen, nehme ich diese Chance wahr. Der Vorteil für uns: Da können wir sicher die Punkte, die jetzt fehlen, abarbeiten - im Trockenen. Der Nachteil für uns: Wir quälen uns quer duch Wien. Steigen von einer U-Bahn in die nächste Straßenbahn. 2 ältere Damen bekommen sich unseretwegen beinahe in die Wolle, weil sie der Meinung sind, der Weg, den die andere beschreibt, wäre Quatsch. Quatsch mit "Q". Wie auch immer: Wir finden es. Mit uns steigen mindestens 30 weitere Personen mit Startnummern aus dem Bus. Wir kommen zurück auf "Musik in Wien" und stürmen den Fachhandel für Unterhaltungselektronik. Ich becirce einen Angestellten, mich meinen Akku aufladen zu lassen. Er kramt eine jungfräuliche 400d aus dem Regal und stellt mir das Ladegerät als Stillamme für mein Baby zur Verfügung. Ich bin nahe dran, ihm einen Heiratsantrag zu machen. Die Ladezeit nutze ich, um mit dem neu erstandenen Akku, der - Dank sei dem Hersteller - voll aufgeladen verkauft wird, in der Musikabteilung einen Kopfhörer, CDs der Wiener Sängerknaben und den Regal-Header "Austropopp" zu fotografieren - wie alle anderen auch. Das aboutpixel-Team verliert zum ersten Mal auf seiner Mission den Zusammenhalt. Bruno jagt (in) Afrika, steff ist verschwunden und gröj müsste mal. Die Verkäufer im Fachgeschäft für Unterhaltungselektronik sind hochkooperativ und bringen mir für die Abarbeitung des nächsten Themas einen Kalender mit einem Zebrabild und ein aufblasbares Flugzeug. Meine Ergebnisse sind bescheiden, aber gröj schafft im Vorbeigehen einen Schuss aus dem Handgelenk, die Zebras füllen somit seine Afrika-Lücke. Während ich auf dem Computer in der Abteilung "Fotokram" kurz auf aboutpixel.de vorbeischaue und hoffe, dass ich unter dem Suchbegriff "Afrika" Erleuchtung finde und meinen Akku noch ein bisschen nuckeln lasse, kommt ein anderer Startnummernträger vorbei und holt seinen aufgeladenen Akku ab. Auch er kann es sich kaum verkneifen, den Verkäufer zu umarmen. Also nicht einmal damit war ich die Erste ... genau so, wie beim schnellen Schuss beim Reisebüro (ich glaube, die Afrika-Deko hatten sie extra an den Eingang gerückt, damit nicht alle erst in den Laden latschen müssen). Dann noch ein Bild von ein paar Leuten, die sich die Rolltreppe hochwälzen und Schluss hier.
Die Luft im Einkaufszentrum ist zum Schneiden, der Frust wächst. Überall sitzen und hängen Marathon-Knipser, denen offensichtlich die Motivation ausgeht. Bruno mit dem Kürbis im Rucksack, steff, der seine wohlverdiente Pause noch immer nicht bekommen hat, gröj, dem inzwischen meines Erachtens alles egal ist und mir rinnt unter der dicken Jacke der Schweiß den Rücken runter, der Rucksack zieht mich nach hinten und erste Anzeichen von Erschöpfung machen sich bei uns allen bemerkbar. Wir müssen uns sputen. Draußen schwindet das Licht, das ohnehin schon den ganzen Tag über zu wünschen ließ. Schnell noch eine Flasche Gösser Bier besorgt, und raus.


Motiv 12 Gemeindebauten



Die frische Luft tut gut, es geht uns gleich ein bisschen besser. Direkt gegenüber des Einkaufszentrums befindet sich einer der hässlichsten Gemeindebauten von ganz Wien. Egal. Her damit, ist gekauft. Inzwischen sehen wir die anderen Teilnehmer fast nicht mehr. Wie gewohnt quetschen wir uns zwischen die Anderen und drücken ab. Häkchen auf der Liste und weiter. Egal wie und koste es, was es wolle, wir werden nicht aufgeben. Dann läutet brunos handy und wir können nur entsetzt beobachten, wie ihr die Schreckensnachricht durch die Knochen fährt - ihre Tochter hatte einen Unfall, sie ist im AKH und muss operiert werden. Schnell ein Taxi besorgt und bruno verabschiedet. Nicht einmal winken konnten wir ihr, so schnell ging alles und wir stehen ratlos und erschrocken an der Ecke und wissen nicht weiter. Sollen wir abbrechen? Die Stimmung hat ihren Tiefpunkt erreicht ...
Wir machen weiter. Es ist Keinem gedient, wenn wir jetzt das Handtuch werfen. Zurück an der Ecke vom Gemeindebau erscheint in einem der oberen Stockwerke der Kopf einer alten Dame am Balkon. Missbilligend späht sie auf das eigenartige Volk herunter, das heute offenbar noch verrückter ist als sonst. Aber jetzt: Rucksack runter, Objektiv gewechselt, Omi aus dem 3. Stock runtergezoomt und "peng"! Erwischt. Unscharf. Na und? Steht irgendwo geschrieben, dass die Bilder scharf sein müssen? Im Schweinsgallopp hinter den Jungs her, rein in den nächsten Bus Richtung Zivilisation.


Motiv 13 Liebe und Leidenschaft



An Dämmerung und Regen haben wir uns schon gewöhnt. Ich "hole mir" halbherzig das Herz, dass am Baum an der Busstation in die Rinde geschnitzt wurde. Steff experimentiert am Blumenladen und gröj makrotisiert an der selben Ecke einen Rosenstrauß. Ok. Haben wir. Weiter.


Motiv 14 Gösser Bier in der Natur



Jetzt kommt die Flasche von vorhin zum Einsatz. Das einzige Stückchen Natur in der näheren Umgebung ist der Innenhof des Karl Marx-Hofs. Einer der schönsten und markantesten Gemeindebauten von Wien. Aber darauf möchte ich jetzt nicht näher eingehen - das Thema Gemeindebau ist Vergangenheit. In diesem Innenhof tummeln sich Grüppchen von Startnummernträgern um Gösserflaschen und -dosen. Es wird langsam dunkel. Es regnet. Das Engagement hält sich allgemein in Grenzen. Allein der Gedanke, dass der Supermarkt in diesem Einkazfszentrum, in dem wir zuvor waren, an diesem Tag 800 einzelne Flaschen/Dosen Gösser Bier verkauft hat, lässt mich manchmal unvermittelt kichern. Es fragt inzwischen keiner mehr nach, wenn ich kichere.


Motiv 15 Umweltschutz geht uns alle an



Auf dem Weg zum Spittelberg gab es einen Promotion-Stand eines schwedischen Möbelhauses. Energiesparlampen wurden verteilt. Wie weiter oben schon erwähnt, stopfe ich alles, was ich bekommen kann in meinen Rucksack. Ich also Rucksack runter, Glühbirne raus und Loch im Baum suchen, um sie reinzuschrauben. Gröj und steff experimentieren mit der inzwischen leeren Bierflasche am Mülleimer. Ich finde keinen Baum mit Loch. Es regnet feinste Tropfen und ich habe das Gefühl, dass dieser Regen gleich in zartes Schneetreiben umschlagen könnte. Es regt mich aber nicht weiter auf. Seit "Urlaub in Afrika" habe ich Kopfschmerzen. Ich verliere langsam den Glauben an mich und meine Kamera. Apropos "glauben":


Kapitel 16 der Glaube



Zurück in der Innenstadt ist es kaum möglich, überhaupt ein Foto zu machen, das nichts mit "Glauben" zu tun hat. Gestern war der Papst hier. Ich nehme die Werbung einer Zeitung fotografisch mit, die unter der Geldeinwurfdose des Selbstbedienungsständers ans 7. Gebot gemahnt ... du sollst nicht stehlen. Gröj und steff brauchen noch was zu dem Thema also rein in die nächste Kirche. Einen Bruchteil einer Sekunde lang flackert in mir Besinnung auf und es ist trocken in dieser Kirche.


Kapitel 17 Fußball im Blickwinkel der Europameisterschaft



Meine Liste sieht inzwischen aus wie diese Zettel, die im Kunsthistorischen Museum, in der Abteilung für Ägyptologie, in den Vitrinen liegen. Ich muss das Ding immer wieder aus der Jackentasche ziehen und im Nieselregen auseinanderfalten. Ich bin inzwischen nicht mehr im Stande, mir das nächste Thema länger als 30 Sekunden zu merken. Wir stehen in der Kärntnerstraße und suchen vergeblich nach Indizien für die Bevorstehende EM. Es wird finster, ich habe Kopfschmerzen. Letzte Rettung: zu mir nach Hause und den Rest indoor abarbeiten.

Ich besitze einen ledernen Fußball mit einer halben Füllung Luft und ich besitze eine Fahrradpumpe ohne Schlauch. Wer sagt denn, dass ein Fußball immer prallvoll aufgepumpt sein muss? Steff, gröj und ich zerren alles aus den Kästen, was irgendwie dienlich sein könnte. Auf Qualität legen wir seit Stunden keinen Wert mehr. Hier geht es nur noch ums blanke Durchziehen - wenigstens das sollte doch zu schaffen sein!?


Kapitel 18 Rot ist heiß


Ich schaffe es knapp vor steff an meine Wäschlade und finde tatsächlich ein Stück, das früher einmal rot war. Gröj und steff sind in der Küche verschwunden. Ich höre, wie der Herd ein- und ausgeschaltet wird. 20.00 Uhr vorbei. Um spätestens 21.30 Uhr müssen wir hier raus. Noch 6 Motive. Das ist Wahnsinn.


Kapitel 19 Herbstimpressionen



Brunos Kürbis ist irgendwann von ihrem Rucksack in steffs Rucksack gewandert. Jetzt liegt er vor uns, der Kürbis, und wir stehen um ihn herum und wenn man ganz still ist und genau horcht, hört man aus seinem tiefsten Inneren ein leises Knurren. Nein. Das geht nicht. Bruno sitzt vor dem Operationssaal und wartet auf ihre kleine Tochter und wir fliegen dank ihres Kürbisses nach Kenia. Kürbis zur Seite geschoben und Alternativen gesucht. Gröj macht Makros von meinem Fikus Benjamin, den ich offenbar länger nicht gegossen habe und steff klemmt seine Kamera an den Türstock um meinen Japanischen Knöterich als Herbstwald auf Chip zu bannen. Ich grabe einen alten, vertrockneten Zierkürbis ins Meerschweinchenfutter. Liste her und weiter. Die Zeit rinnt uns durch die Finger.


Kapitel 20 Einblicke - Ausblicke



Wir experimentieren hektisch mit Brillen, Ferngläsern, Kaleidoskopen und Dekolletés.
Jetzt aber schnell: noch 4 Motive. 4!!!


Kapitel 21 Träumerei



Ein kitschiger Wandteppich mit Bewegungsunschärfe, ein Kristallüster mit Drehbewegung, der Schatten eins Glücksbambus. Zack. Liste her. Nicht trödeln, wie geht es weiter?


Kapitel 22 Lichtspiele



Gröj sperrt sich mit einer LED-Lampe am Klo ein. Steff zappelt mit Taschenlampe im Wohnzimmer. Ich liege unter der Stehlampe und versuche, mit Zoom während dem Auslösen ein bisschen Pepp in die Sache zu bringen. Es findet keine Kommunikation mehr statt. Wir müssen die Beine in die Hand nehmen, wir müssen noch aussortieren!


Kapitel 23 feucht fröhlich



Flaschen, Gläser, Eiswürfel, Trinkhalme her. Ich nutze den Moment, als steff und gröj sich in einem kurzen Anflug von Hysterie neben den Flaschen am Boden wälzen. Ich weiß nicht mehr genau, warum gröj auf dem Bild meinen schwarzen Tanga zwischen den Zähnen hat, aber das Bild hat was.


Kapitel 24 Fernwärme Wien -
Duett aus Energie Müll und Kunst




Ob dieser Fragestellung (wie hier wiedergegeben ohne Punkt und Komma) werden wir nicht schlau. Wir haben aber Zeit, darüber nachzudenken. Im Auto, während ich die Bilder der letzten beiden Aufgaben aussortiere. Auf dem Weg zur Fernwärme, dort sind nämlich auch die Speicherkarten abzugeben. Das Einzige, was jetzt noch zu schaffen ist, ist eine halbwegs vertretbare Nachtaufnahme vom Gebäude. Von Idee und Kreativität kann längst keine Rede mehr sein. Mir "gelingen" 3 Bilder. Alle 3 von der Belichtung her halbwegs ok und faktisch nicht verwackelt. Bevor ich noch mehr versuchen kann, muss ich das aboutpixel-Team-Stativ an gröj weitergeben. Steff, in seiner unvergleichlich sportlichen Art, ist auf eine Mauer gekletter, klemmt sich mit seiner Kamera an einem Verkehrsschild fest. Hinter ihm der Abgrund. Ich sehe einfach nicht hin. 21.49 Uhr.


Epilog



In der Fernwärme Wien stehen lange Schlangen an. Menschen in allen erdenklichen Verfassungen. Schief hängende Startnummern, zerrupfte Frisuren, erschöpfte, weinerliche Gesichter, aber auch einige, die aussehen, als würde es gerade erst losgehen. Wir reihen uns ein und stecken, weniger als halb überzeugt, unsere Speicherkarten in die Abgabetaschen. 21.58 Uhr. Das war's. Eine Mischung aus Erleichterung und Frust stellt sich ein. Die Dame, die unsere Arbeiten in Empfang nimmt, ist ausgesprochen freundlich. Sie überreicht jedem, der es geschafft hat, feierlich eine gold(farb)ene Medaille an einem rot-weißen Band. Wir lösen unseren Gutschein für ein Getränk ein und gönnen uns sitzend, in Ruhe ein Paar Würstchen mit Senf. Es ist vollbracht. Wir haben es durchgezogen. Was meine Bilder betrifft: Unter normalen Umständen hätte ich kein einziges behalten. Es waren alles "das lösche ich doch gleich nach Display-Ansicht"-Bilder. Einzig das Bild von meiner Startnummer - das ist nett geworden.

Ich bin nächstes Jahr 100 % sicher wieder mit dabei. Eine Herausforderung, von der man sich im Vorfeld kein Bild machen kann und eines ist sicher: nächstes Jahr mit leichtem Marschgepäck! Es hat riesig Spaß gemacht, ich habe viel gelernt (auch über meine Kondition, mir tut heute alles weh) und die Siegerbilder vom Vorjahr sehe ich inzwischen mit etwas mehr Respekt.

Bruno, deine Medaille habe ich für dich in Empfang genommen. Eigentlich hast du für diesen Tag 2 verdient. Ich schicke sie dir gleich am Montag. Grüß' uns die kleine Prinzessin, sie soll so viele Verzierungen, Gemälde und Autogramme auf ihrem Gips sammeln, wie nur draufpassen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!