Ästerrreich-Uungorn


Ich warte auf den Lift. Hinter mir steht ein älterer Herr mit seiner noch viel älteren Frau Mama. Sie hat sich bei ihm untergehakt, er trägt ihren pastell-geblümten Schirm. Sie trägt ihren braunen Filzhut so tief ins Gesicht gezogen, dass man ihre Augen nicht sehen kann, er trägt - braver Sohn - eine blaue Fleecemütze mit extra Ohrenabdeckungsverlängerungen.
"Waas wuuurrrde wol aus däm?" fragt die alte Dame ihren Sohn gedehnt und ein wenig traurig. Es ist klar zu erkennen, dass der Satz nicht der Anfang eines Gespräches ist, sondern der Seufzer am Ende eines langen Gedankenganges. Typisch ungarischer Akzent. Hochgradig. Ich mag das, das höre ich immer gerne, das klingt ein wenig nach "früher", nach k&k. Nach gnädiger Frau mit Zimmermädchen, nach Sommerfrische und Spitzenhandschuhen, nach Handkuss und Klavierstunde, nach temperamentvollem Wein und nach komplizierten Kochrezepten. Schön finde ich es auch, wenn Italiener Englisch sprechen. Das klingt nach ganz großem Heimweh, nach Pizza in der Ferne, nach Winken am Hafen und all diesen romantischen, überholten Klischees. "Du iu chave a sigarett? Sigaretta?" Wie Roberto Benigni in "Down by Law". Aber ich schweife ab.

"Wän maainst du dään?" fragt er sehr sanft und geduldig, nachdem er einige Zeit hat verstreichen lassen, wobei er lustiger weise zum Ende des Satzes hin in der Melodie nicht höher wird, wie wir mit Muttersprache Deutsch das bei Fragen tun, sondern er beginnt hoch und lässt die Melodie zum Fragezeichen hin abfallen. Das ist so charmant! Diese Art Dialog scheint ihm gut bekannt zu sein. Nach den ersten beiden Sätzen spürt man, wie liebe- und respektvoll die beiden verbunden sind, wie gut sie sich kennen, wie höflich sie miteinander umgehen. "No? Wän maainst du dään 'mit was wuurrdä aus' ...?"

Die alte Dame hebt ihre spitze Nase sehr hoch, um ihn ansehen zu können - er ist viel größer als sie und sie muss ja auch noch unter der extrem tief gezogenen Hutkrempe durchlugen. Sie sieht ihn lange versonnen an und fragt dann: "Waas mainst du?" (wieder diese verkehrte Melodie).

Der Lift ist da, wir sortieren uns rein.

"Host du värrgässsen, Mama. Jo?". Sie sieht ihn lange an, sichtlich nicht wissend, wovon er spricht. Dann senkt sie ihr spitzes Näschen langsam wieder, als fiele ihr resigniert ein, dass sie immer alles vergisst und murmelt in Moll ein halb geseufztes "Joo" unter ihren Hut.

Erster Stock, der Lift hält. Die beiden machen sich bereit zum Aussteigen, ich bleibe in der hinteren Ecke stehen, ich will ja hoch hinaus.
"Auf Widerrrsäähän!" verabschiedet sich der Herr Sohnemann von mir in wunderbarem Operetten-Österreichisch-Ungarisch, "Auf Wiedersehen", lächle ich zurück. Die alte Dame betrachtet mich neugierig unter ihrer Hutkrempe hervor, die Lifttür öffnet sich, Sohnemann nimmt Mamas Hand, hakt sie bei sich unter und führt sie aus dem Lift. "Auf Widärrrsääähän" verabschiedet sich die alte Dame sehr höflich von mir. "Auf Wiedersehen", strahle ich sie an, bemühe mich, laut und deutlich zu sprechen und kann es mir nur um ein Haar verkneifen, einen kleinen Knicks zu machen, wie ich es als Kind beigebracht bekommen habe. Die beiden sind draußen, Mama hebt ihr Näschen hoch zu Sohnemann "Wärr worr die Doome?" fragt sie neugierig. "Wän maainst du denn?" höre ich gerade noch die Erwiderung in verkehrter Melodie.

Erst kurz vor der Haustür ist mir eingefallen, meinen Regenschirm aufzuspannen. So versunken war ich auf meinem Weg durch den Regen in die Eindrücke dieser Liftfahrt. Und ich frage mich, warum die beiden sich auf Deutsch unterhalten haben. Vielleicht weil es sich einfach gehört, die gemeinsame Sprache aller Anwesenden zu sprechen?
Zwei aus einer anderen, eigenen Welt. Schön war das.
:^)

Kommentare:

  1. Herrlich.

    Ich mag ja auch sehr gern Akzente. Ob Du es glaubst oder nicht der wienerische gehört auch dazu. Genauso wie das "schweizern", aber ganz vorn ist immer noch, wenn jemand mit einer weichen Stimme französisch spricht.

    Als ich damals beim Radio gearbeitet habe, hatte ich eine Kollegin, die immer mal wieder am Telefon französisch geredet hat. Perfekte Radiostimme. *schmelz*

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  2. Ja, Französisch ... das steht ohnehin außer Konkurrenz. Allerdings nur in Originalversion. Wie Französisch mit Akzent wirkt, kann ich nicht beurteilen, aber Französisch ALS Akzent ist immer ein Leckerbissen!
    :^)

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Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!