beim Friseur

Kurzversion für Frauen:


*klingeling*
"Ja, hallo?"
"Hi! Wie geht's denn immer so?"
"Ich war beim Friseur."
"Oh, mein Gott ..."

Für alle anderen:

Angela Merkel hat einmal gesagt: "Ich weiß - andere Frauen haben eine Frisur, ich habe Haare." Und damit hat sie wohl vielen von uns aus der Seele gesprochen. Mir zumindest. Ich gehe nicht oft zum Friseur. Vielleicht war ich in meinem Leben bislang zehn Mal beim Friseur. Wenn's hoch kommt. Ich habe nämlich keine Frisur, ich habe Haare. Straßenköterbraune Schnürchen, ohne jegliche Ambition sich charmant zu wellen oder adrett zu fallen, die man am besten nach asiatischer Manier in Schulterhöhe gerade abschneidet und nicht weiter beachtet. Genau das, was Freund oder Tochter binnen weniger Minuten nachschneiden können, wenn der Spliss zu schlimm wird. Und zwar ohne das laufende Telefonat deshalb zu unterbrechen - es genügt, den Hörer dabei mit der Schulter festzuklemmen. Kein charaktervoller Schwung im Haaransatz, dafür ein unsäglicher Wirbel am Hinterkopf, der, statt die Haare so zu lenken, dass sie einen runden Hinterkopf vorgaukeln, boshaft an jede Tachtel erinnert, die mir das Leben mit Schwung da hinten drauf geknallt hat.

So alle zwei bis drei Jahre packt es mich dann aber und ich vergesse, dass jegliche Bemühung sinnlos ist und ich gebe mich hin, den verlockenden Slogans der Pflegeprodukte und den Versprechngen der Models auf den Bildern; wegschiebend die eigenen Photoshopkenntnisse, die Bilder für bare Münze nehmend und ich stapfe - ganz Frau von Welt - ins nächste Frisierstübchen. Unangemeldet natürlich, damit ich möglichst lange Zeit habe, in den Katalogen und Mappen zu blättern, die uns armen Geschöpfen mit Haaren am Kopf in Hochglanz vor Augen führen, wie wir nicht aussehen und wie wir bitte gefälligst aussehen sollen.

Am Freitag war es so weit. Zeit übrig, Geld in der Tasche, die Haare vom Wollschal elektrisch aufgeladen, die Tür vom Friseursalon unverschämt weit geöffnet, so dass der Duft der 1000 Zaubertinkturen mich gefangen nahm und wie die Tentakel einer riesigen Krake ins Ladeninnere zog.
Über eine Stunde lang in den Mappen geblätter, wie vor Jahren schon geärgert über die 80 % unnützen Bilder von Hollywood-Hochsteckarrangements auf den Köpfen futuritisch gestylter 14-jähriger, auf 30 geschminkter Hungerhaken mit Gebilden auf dem Kopf, für die gute 2 kg Rosshaar nötig sind und am Ende blieben 2 Bildchen übrig. Eines zeigte eine Blondine, deren Haare einfach über Schulterhöhe gerade abgeschnitten waren, was nicht gerade originell aussah, aber doch gepflegt, und eines mit einer Brünetten, die auch nicht viel anders aussah, nur dass bei ihr das Deckhaar angestuft war, so dass die ausgedünnte Länge der unteren Schichten zart den Nacken umschmeichelte und der Kopf durch die angestufte Fülle ein wenig runder erschien. Für meine etwas flachgelegene Schädelform gar nicht unvernünftig, die Variante. Nach kurzer Beratschlagung mit der Friseurin, für welche Variante ich mich denn entscheiden sollte und sie mir dabei keine echte Hilfe war, entschied ich mich für Plan B: den Nackenschmeichler.

Dann gings los. Ich rief mir in Erinnerung, wie Andere von den himmlischen Wohltaten einer professionellen Kopfwäsche schwärmen, während ich mich bemühte, meine Abneigung gegen fremdhändisches Betatschen zu unterdrücken. Ich schloss die Augen, ignorierte das Zupfen an einzelnen Haaren und die doch stark wechselnde Wassertemperatur, redete mir ein, dass das Fluten der Ohren bestimmt zum Programm gehört und lächelte dankbar, ins grelle Licht der Deckenbeleuchtung blinzelnd, als sie mir nach Beendigung der Prozedur mit sanftem Druck beider Hände half, meine - inzwischen in ein Handtuch gewickelte - Birne wieder aus dem Kopfwaschbecken hochzuhieven. Lange hätte ich die Kante im Nacken auch nicht mehr ausgehlaten ...
Ortswechsel.
Ich taumelte unter freundlicher Anweisung in den nächsten freien Stuhl vor einem Spiegel, bekam das Riesenlätzchen umgehängt, eine Halskrause aus Krepppapier verpasst und das Handtuch abgenommen. Welch elender Anblick. Die Augen rot, nachdem sie so lange zusammengekniffen waren, der Hals dünn über dem mächtigen schwarzen Schutzzelt, die Haare ... ja, wie das halt so aussieht, wenn ein Straßenköter in den Regen kommt.

Dann machte sich die Fachfrau ans Entwirren der Strippen (Da fällt mir ein, auf dem Shampoo, das ich letztens in Spanien kaufte stand "Cabellos normales" - normale Kabel. Passt irgendwie.) und ans Ziehen des Scheitels. Ich wusste nicht, dass das so ein Problem sein kann. Zu hoch, zu tief (Hat die Augen im Kopf? Man kann doch nicht so scheiteln, dass auf einer Seite des Kopfs 95 % der Haare sind und auf der anderen ... egal. Mein Vertrauen ist gebrochen.) wieder zu hoch, zu schräg, falsche Richtung schräg ... nach mehreren beängstigenden Versionen gab ich bei einer tragbaren Variante w.o. und akzeptierte. Dann griff sie zur Schere und die Dinge nahmen ihren Lauf. Wow - dachte ich - die scheint das aber doch zu können. Ein komplizierter Griff folgte dem anderen, schnipp-schnapp - wurden Strähnen kunstgerecht gezwirbelt und weggeklemmt, andere zielstrebig hochgezogen und zurechtgestutzt. Das Ergebnis versöhnte mich einigermaßen. Der fertige Schnitt sah gar nicht so übel aus. Viel kürzer als gewünscht und nicht annähernd das, was ich ihr im Katalog gezeigt hatte, aber es hätte ja auch noch schlimmer kommen können. Ich dachte, das Ganze jetzt noch mit ein bisschen Schütteln trocknen und ich kann damit leben.

Aber nein: Die Haarstylingfachfrau griff zum Fön und zur Rundbürste und in mühevoller Kleinarbeit fönte sie mich (für den Aufschlag von 10,- Euro) Strähne für Strähne zum Trottel. Unfassbar. Machen die das mit Absicht? Was bringen die denen bei, in der Ausbildung? Ja, sehen die denn nicht, was sie da anrichten? Es ist doch jedes Mal das selbe. Wenn ich jemandem die Haare fönen würde und der würde dann so aussehen, würde ich mit Tränen in den Augen um Vergebung flehen, anbieten, dass das ganze auf's Haus geht und von vorne beginnen. Aber nein: Sie schwenken einem siegessicher einen Rückspiegel um den verhunzten Kopf und quittieren die zögerliche Reaktion, die man zeigt mit einem lässig-finalen "Pfffft" aus irgendeiner Spraydose und rupfen einem mit unwiderruflicher Endgültigkeit das Schutzzelt vom Leib. Dann sitzt man noch kurz vor dem Spiegel, erkennt sich selbst gerade an den Klamotten wieder und dann nix wie weg. Zahlen und Flucht - betend, dass man unterwegs keine Bekannten trifft.
In Ermangelung eines Wolkenbruchs führte mich mein erster Weg in den Ramschladen nebenan, wo ich einen nicht wirklich schönen, aber lebensrettenden Haarreifen erstand, der wenigstens das Übel an der vorderen Front in den Griff bekam. Ich wette, die machen in dem Laden ihr Hauptgeschäft mit Haarreifen, das würde auch erklären, warum die gleich nach dem Kassabereich einen Spiegel hängen haben.
Nachdem ich im direkten Anschluss zum Abendessen verabredet war, musste ich den unmenschlichen Druck der Haarreifenenden hinter den Ohren mehrere Stunden lang ertragen. Ich gehe nie wieder zum Friseur.

Kommentare:

  1. jaaaaaa, genau so ist das, du sprichst mir aus der seele .....

    wobei: letzte woche hatte ich unglaubliches glück: nachdem ich mich über zwei jahre lang erfolgreich vor dem haareschneiden gedrückt hatte, ließ es sich nicht mehr vermeiden. also rein in den grellgrün-weiß gestylten laden, und nach nur zwei fragen (verwenden sie pflegeprodukte? - *kopfschüttel* / auf welcher seite tragen sie den scheitel? - ich trage keinen scheitel, die haare fallen, wie sie fallen) konnte mich die junge dame dann völlig richtig einschätzen und verwendete dankenswerterweise KEINE rundbürste zum fönen. ich sah zwar aus, als hätte mich ein sturmtief erwischt, hatte aber das erste mal nicht den drang, gleich nach hause zu rennen und mir als erstes die haare zu waschen ...

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  2. Meine eigenen, persönlichen Erfahrungen liegen soweit zurück, das ich dazu nichts mehr sagen kann. ;) Aber als Lebensabschnittsgefährte einer Langhaarträgerin kann ich die Story nachempfinden. Jedenfalls erlebe ich ähnliches, aus Erzählungen, mindestens 4x jährlich. Wobei es beim Schnitt immer heißt: Nur keine Experimente! Der quartalsmäßige Schwerpunkt liegt hier eindeutig bei der regelmäßigen Auswahl diverser, chemischer Hilfstoffe zur Grauhaarabdeckung. Selbst ich persönlich darf zwischendurch Hand anlegen. Etwa alle 2-3 Wochen darf ich solche Mixturen, geschützt durch Latexhandschuhe, mit Hilfe eines Pinsels auf die sogenannten Ansätze auftragen. Nennt es jetzt wie ihr wollt, nur veratet mich nicht. Immer diese Eitelkeiten :D

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  3. Bibib, ich beneide dich! Den richtigen Friseur (wie Gynäkologen) findet man sicher nur ein Mal im Leben - wenn man Glück hat!

    Uli - da haste jetzt aber ganz schön aus dem Nähkästchen geplaudert! Macht nix - wenn ich mir deine Lebensabschnittspartnerin so vor's innere Auge rufe, kann ich nur sagen: Machst du prima!

    :^D)))

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  4. Ach ja ...

    Meine Phase des Langhaares ist ja nun vorbei. Einerseits gut - andererseits .... Kurzes Haar will öfter in Form geschnitten werden.

    Nachdem ich Anfang Oktober nun endlich DIE Friseurin meines Vertrauens gefunden habe, darf ich sie auch schon wieder verabschieden. Sie hat am letzten Wochenende in dem Salon aufgehört. (Nun hoffe ich, dass ihre Kolleginnen es so weiter führen, was ich da mit ihr angefangen hab.)

    Warum sind Herrenhaarschnitte eigentlich so viel günstiger?

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  5. Also phagerli Du hast eindeutig den falschen Friseur. Ich war am Samstag bei meinem und es war wie immer ein Happening.

    Frisöre (ich nehme einfach nach und nach alle Schreibweisen) müssen schwul sein. DAS ist schon mal Voraussetzung. Also zumindest der Chef oder über 50% der Belegschaft.

    Bei mir gibts zur Begrüßung immer einen leckeren Schoko-Kaffee (jetzt wist Du Dich bestimmt beim Lesen schon schütteln) und wie bei Dir ne Menge "Fachzeitschriften".

    Auf dem heißen Stuhl quatschen wir dann immer über die Hollywoodstars, die er nicht von der Bettkante schubsen würde (chuckle).

    Obwohl ich mir die Haare eigentlich nur kürzen lasse, verbringe ich mit Essens-, Zigaretten und Quatschpausen meistens 2 Stunden dort und am Ende sehe ich IMMER richtig schnieke aus. :-)

    Graue Haare habe ich laut seiner Aussage übrigens noch ÜBERHAUPT keine. Nur hier und da ein paar Pigmentstörungen :lol:

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  6. Liebe Nico, ich drücke die Daumen, dass sich eine fähige Nachfolgerin findet. Das mit dem Preisunterschied Männlein/Weiblein verstehe ich auch nicht. Vielleicht als zusätzliche Ungerechtigkeit, weil Männer erstens mehr verdienen und zweitens ohnehin immer zufrieden sind, egal, was man auf ihren Köpfen anrichtet - Hauptsache, man fummelt an ihnen herum - oder auch, weil es bei den meisten genügt, mit dem Rasenmäher eine Runde zu fahren?

    -------------

    Lieber Qba - schwul ist auf jeden Fall ein guter Ansatz, weil die meistens wesentlich mehr ästhetisches Potential vorweisen können als die weit verbreiteten Sozialbau-KeinenAnderenJobGekriegt-Friseurlehrlings-Schnecken und den Beruf aus Überzeugung ausüben. Werde mich, in zwei bis drei Jahren, wenn es wieder so weit ist, diesbezüglich gezielt auf die Suche machen. Danke für den Tipp!
    :^)

    -------------

    Liebe Friseurin, die du zufällig hier reinstolpern solltest: DU bist natürlich NICHT gemeint!
    :^i

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  7. irgendjemand (wars nen freund von mir? glaub schon..) hat sich bezüglich den preisunterschieden mal mit dem / der friseur/friseurinösewhatever unterhalten. antwort: in erster linie, weil frauen eher bereit sind, mehr dafür zu bezahlen.

    außerdem braucht man bei ner frau (im normalfall) ja auch länger und muss sich volllabern lassen, während männer da kurz zum haare stutzen reingehn und schnell wieder raus wollen.

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  8. Alles klar. Nächstes Mal stürme ich rein und sage:"Mach schnell und quatsch nicht, ich will's zum Herrentarif!". Ob das gut geht?
    :^.

    Frau könnte sich auch einen Bart aufkleben (wie zu einer Steinigung) und einen Langhaarigen vortäuschen. Alles eine Überlegung wert ...
    :^D)))

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  9. ich brech einfach nur weg.... looooool... so toll geschrieben... looooool

    meine erfahrung mit der haarpflege: rasierer mit aufsatz, stufe 4, drüber über die birne, weils eh wurscht ist.... haare waschen, einmal mit handtuch drüber - trocken... :D

    danke für den amüsanten artikel :D

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  10. Aha, die Runde mit dem Rasenmäher. Beneidenswert.
    ;^D

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  11. @elchi:
    dann bin ich ... keine frau.
    quatschen geht garnicht. massage ist nett.
    will auch nur gut aussehen ...

    schwule friseure? .. ah .. nehm ich.
    @qba: wo ist dein schniker scheren-haar-spezialist noch gleich?

    nico

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  12. ich verstehe dich! renn seit monaten nur noch mit zusammen gebundenen haaren herum. leider total verschnitten :((

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  13. Ha! Dann weiß ich wer du bist, Mrs. Anonym!
    :^D)))

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  14. Ein Foto hast du wohl nicht? Vorher vs.Nachher.
    Wuerde das ganze noch anschaulicher machen, obwohl, dein Schreibstil ist super.
    LG, ulli

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  15. :^D)))
    Nachdem du mich gegoogelt hast und dann in meiner Statistik ein Zugriff via einen Schweizer Blog aufschien, war ich schon gespannt, ob du bei mir auch was lesen würdest!

    Danke dir für das Lob, das freut mich! Fotos, auf denen ich gut zu sehen bin, stelle ich nicht so gerne ins Internet ... obwohl ... das Ding mit den Experimenten am Kopf, das bin eh ich. Zwar ist es mein Führerscheinfoto von 1988, aber das geht doch bestimmt als "Vorher-Foto" durch, oder?
    ;^)

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  16. mal 'ne Frage hab':
    Wie heißt der beschriebene Salon? Ist der in Berlin? Falls es sich um den Friseursalon "Unverschämt" in Berlin Spandau handeln sollte, kann ich das Beschriebene nicht nachvollziehen, bin ich doch dort seit über 15 Jahren überaus zufriedene Kundin ... und ich habe denen weiß Gott viel zugemutet ;-)

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  17. Hallo, Friseurbesucherin! Nein, ich kann dich beruhigen. Bitte gehe weiterhin voll Vertrauen zu den Unverschämten. Besagter Salon befindet sich - auf einem handelsüblichen Globus - gut eine Handbreite weiter südlich.

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  18. Jaja, die trivialsten Dinge ernten die meisten Comments. Vielleicht liegt's auch an den meisten Friseuren. Wenn Dich wieder mal die spontane Unvernunft packt, dann probier (mit Anmeldung) den 'Salon' im 7. in der Schottenfeldgasse. Ich weiß, es ist so eine Sache mit Werbung oder subjektiven Empfehlungen. Ich bin weder verwandt oder verschwägert, noch beteiligt. Ich bin nur ein kleiner Perfektionist. Und die Typen schneiden nicht nach Technik, sondern nach Gefühl. Du als Grafikerin kannst das sicherlich nachvollziehen. Laien malen ganz Detailverliebt etwas, wenn sie sich dann aber zurücklehnen, ergibt das ganze kein Gesamtbild. Im 'Salon' wirst Du diesbezüglich bestimmt nicht enttäuscht. ;-) lG

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  19. Dein Wort in Gottes Ohr - ich werde deinen Rat befolgen und meinen nächsten Verschönerungsversuch in diesem Salon starten - und werde berichten!
    :^D)))

    p.s.: Hoffentlich sind die nicht zu teuer dort ... meine schlechten Erfahrungen könnten nämlich auch darauf beruhen, dass ich mir eher die niedrigpreisigen Friseure aussuche. Geiz ist schließlich geil und so ...

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Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!