Hausschuhe

Ist das auch noch heute so / war das auch bei euch so? Dass man zur Einladung die Hausschuhe mitbringt?



Wenn wir schick eingeladen waren (z. B. Silvester), ging Mama morgens zum Friseur, ließ sich die Frisur besonders hoch auftürmen.



Papas Anzug wurde morgens aus dem Schrank geholt, die passende Krawatte gesucht (damit er sich schon den ganzen Tag an den Gedanken gewöhnen konnte, dass er aus seiner üblichen Knickerbocker raus musste).



Unsere Strumpfhosen wurden kontrolliert und wenn kein Exemplar in der Lade war, das noch nicht an den Knien geflickt war, oder schon so zu kurz, dass der gestrickte Schritt unter dem Minikleidchen vorlugte, bekamen wir aus Mamas geheimen Vorräten eine Neue überreicht. So wurde der ganze Tag mit Vorbereitungen für den Abend verbracht. Bis spätestens Mittag musste Papa noch ein Mal los, um die Blumen für die Gastgeberin zu besorgen. Wenn Mama ihn nach Hause kommen hörte, rief sie quer durchs Haus "Hast du die Blumen?" und dann kamen wir Kinder ins Badezimmer gelaufen, um die meist exotische Pracht zu bewundern, die bis zum Abend im Waschbecken eingefrischt wurde. Dann wurden die Lackschuhe aller Familienmitglieder noch ein Mal auf Hochglanz poliert. Meistens waren wir gegen 14 Uhr fertig und verbrachten den restlichen Nachmittag aufgebrezelt mit Warten. Ein bisschen Fernsehen, ein bisschen Fenstergucken, ein bisschen im Weg herumstehen.



Wenn es dann so weit war dass wir losmussten, begann Papa regelmäßig noch die Autofenster zu putzen, was Mama, die längst den schönen Schmuck angelegt hatte, regelmäßig auf die Palme brachte.



Und dann, ganz zum Schluss, wenn es wirklich losging, wurden unsere Hausschuhe eingesammelt und in einer Tasche mitgenommen. Damals war es noch absolut üblich, dass man seine Hausschuhe mitbrachte - was die Böden der Gastgeber schonte, aber natürlich das Gesamtstyling, in das man den halben Tag investiert hatte, schwer beeinträchtigte. Anderseits sparte es eine Menge Geld, da wir Kinder die Lackschuhe für die kurze Wegstrecke im Auto auch dann noch tragen konnten, wenn sie längst eine Nummer zu klein oder noch eine Nummer zu groß waren. Ja. Das wird wohl der Grund für das Hausschuh-Ritual gewesen sein. Und, dass es damals die billigen Gästeschlapfen noch nicht gab, die einem heute in 10er-Packungen überall nachgeschmissen werden.
Lustiger weise durften die Gastgeberkinder sehrwohl den ganzen Abend elegant in ihren Lackschuhen verbringen ...

Schon komisch. Im Alltag liefen wir zuhause in Hausschuhen oder in den Socken. Auch Mama. Nur wenn Besuch kam, und sie sich hübsch gemacht hatte, trug sie im Haus die schönen Schuhe. Wenn das Eintreffen der Gäste nahte, wussten wir das auch ohne auf die Uhr zu sehen, da wir dann Mamas Gestöckel in Küche und Diele hörten. Das machte übrigens den ganzen Abend lang einen großen Unterschied in der Atmosphäre im Haus. Hatten wir das Haus voller Verwandter, wie z. B. am Christ- oder Stephanitag, liefen alle in Hausschuhen oder auf Socken. Das klang lang nicht so feierlich wie die Abende mit "richtigen" Gästen, an denen die Luft voller Gestöckel und Getrappel war und am nächsten Tag der Boden voller schwarzer Streifen, die mit Andy und Putzschwämmchen einzeln weggerieben werden mussten ...

Kommentare:

  1. Oha, Frau Wirtin. Da sind wir uns doch sehr ähnlich, Ösis und Piefkes. Deine Erlebnisse kann ich fast 1:1 auch als meine Eigenen benennen. Lustige Rituale hatten wir da in den 60er und 70er Jahren.

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  2. Ui wie schön. Während ich das lese läuft im Hintergrund Klassik Radio und irgendwie eine passende Musik. Vielen Dank für die Zeitreise.

    Ich habe es selber so nicht erlebt. Bin wohl doch ein paar Lenze jünger :-) , aber trotzdem irgendwie schön mit den Bildern und so.

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  3. @ uli
    Hey, wie schön, dass ich was gemeinsames ausbuddeln konnte! Macht doch immer Spaß, zu entdecken, dass Kleinigkeiten aus der Vergangenheit sich überschneiden.
    :^)

    @ qba
    Freut mich, dass ich dich trotz mangelnder eigener Erfahrung auf dem Sektor ein Stück weit zurück mitnehmen konnte!
    :^)

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  4. Doch doch, ich hab das genau so in Erinnerung. Farblich zwar schon etwas verblasst, wie ein altes Foto, aber gewisse Bildteile sind noch ganz scharf.

    Und was die Hausschuhe betrifft: an eine Sache kann ich mich noch gut erinnern. Zum Geburtstag meiner Großtante war ich mit meiner Mutter für ein paar Tage in München bei ihrem Cousin. Weil das ja Familie war und wir ein paar Tage dort blieben, hatten wir unsere Hausschuhe mit. Allerdings waren wir die einzigen, die mit den bequemen Schuhen herumliefen. Alle anderen trugen den ganzen Tag die schönen Schuhe. Ich war damals noch total entsetzt, dass die in der eigenen Wohnung mit den Straßenschuhen über den Wohnzimmerteppich liefen ... :^D))

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  5. bibib :^D)))

    Zu "Großtante" habe auch ich eine schöne Hausschuh-Erinnerung: Wenn wir dort zu Besuch waren, nahmen wir keine Hausschuhe mit. Dort gabe es einige Paar Gästepantoffel und ich freute mich immer, wenn ich das hübscheste Paar abbekam. Es waren im Gegensatz zu unseren plump-weichen Kinderschlapfen zarte, schmale, schwarze Pantöffelchen mit selbst aufgestickten Röschen. Darin fühlte ich mich immer sehr erwachsen und damenhaft.
    :^)

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  6. irgendwie kommt mir dieses Szenario bekannt vor...

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Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!