Krisenkrise



Geht es euch auch so? Manchmal packt es mich und schüttelt's mich, bis mir ganz entrisch wird. Krise, Krise, Krise ... ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN!
Noch habe ich einen Job, aber krisensicher ist was anderes. Wer braucht in Notzeiten so ein Luxusgeschöpf wie eine Grafikerin?
Was ist denn überhaupt krisensicher? Was brauchen die Menschen immer? Oder noch besser: Was brauchen die Menschen umso dringender, je schlechter es ihnen geht? Immer wieder kreisen meine Gedanken darum. Ihr Bier z. B. wollen sie immer haben. Soll ich aus dem Nichts eine Brauerei gründen? Mit welcher Kohle denn? Eine Glücksspielhöhle eröffnen? Besser nicht, ich bin nicht lebensmüde. Eine Canabis-Plantage im Keller? Die wird mir doch von den Nachbarn abgeerntet - schneller als ich die Haftstrafe dafür antreten kann. Pflegepersonal wird immer gebraucht. Je schlechter die Lage, desto kranker die Menschen ... aber womit sollen sie die Pflege bezahlen? Und wer würde einer 46-jährigen eine Umschulung finanzieren und wie lange dauert die? Und - würde ich einen solchen (physischen wie psychischen) Knochenjob überhaupt packen?

In der Firma, in der ich vorher war und in der ich im Vorjahr der ersten großen 10%-Aktion zum Opfer fiel, wurde offiziell (wahrscheinlich wegen des großen Erfolgs) sofortige Wiederholung beschlossen. Mail an alle Mitarbeiter: "Es kann jeden von Ihnen treffen." Die Nachrichten sind voll mit Meldungen von abgebauten Arbeitsplätzen, schließenden Betrieben und dunklen Prognosen.
Wenn es dann so weit ist - die "Fachleute" sprechen von Jänner 2010 - was wird dann aus uns? Woher wird das Geld für die (uns?) Arbeitslosen kommen? Wovon die Miete bezahlen? Und würde es überhaupt wenigstens für die Miete ausreichen? Wie lange dauert es, bis man vom Vermieter auf die Straße gesetzt wird, wenn man die Miete nicht mehr "derschnauft"? Womit Gas und Strom zahlen? Und wenn alle Stricke reissen: Woher ein Dach über dem Kopf nehmen? Was wird das Brot kosten? Wie vorbereiten? Wohin flüchten? Was wird aus meinem Kind? Wo werden wir enden?

Jaja, hättste, hättste, hättste. Hättste ein Haus gekauft und abgestottert, statt jahrzehntlang die Miete aus dem Fenster zu schmeißen, das gar nicht dir gehört (ohne Startkapital?). Hättste auf die drei Urlaube in den letzten 10 Jahren verzichtet und das Geld in einem Gurkenglas versteckt (ich esse keine Gurken!). Hättste auf die neue Sitzgarnitur verzichtet und stattdessen Dosenfutter eingelagert (wo denn?). Hättste dir einen greisen Millionär (welchen denn und wie denn, bitte?) geangelt, statt sich quietschvergnügt zu verlieben. Alles falsch gemacht. Von Anfang an.

Manchmal könnte ich schreien.
Manchmal ist mir richtig schlecht.

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Ich weiß wohl, dass es in Biermanns Barlach-Lied um was völlig anderes geht - aber leergeschüttelt und mit neuer Wortbesetzung (Teekesselchen!), könnte es - flacher zum Glück, es geht ja nur um Wirtschaftliches - schon wieder passen. Mir geht es auf jeden Fall ständig durch den Kopf. Ich hatte es früher einmal auf Vinyl - gesungen von Erika Pluhar. Unglaublich einprägsam. Die Platte habe ich vor 12, 13 Jahren meiner Nachbarin geborgt ... oder geschenkt? Auf jeden Fall war die Platte futsch, als ihre Wohnung geräumt wurde. Ob ihr Mann (Witwer?) den Mord an ihr inzwischen abgesessen hat? Aha, falsch abgebogen - ich merke gerade, dass mir dieser Gedankengang jetzt auch nicht wirklich weiterhilft.

Ach Mutter mach die Fenster zu
Ich glaub es kommt ein Regen
Da drüben steht die Wolkenwand
Die will sich auf uns legen

Was soll aus uns noch werden
Uns droht so große Not
Vom Himmel auf die Erden
Fallen sich die Engel tot

Ach Mutter mach die Türe zu
Da kommen tausend Ratten
Die hungrigen sind vorneweg
Dahinter sind die satten

Was soll aus uns noch werden
Uns droht so große Not
Vom Himmel auf die Erden
Fallen sich die Engel tot

Ach Mutter mach die Augen zu
Der Regen und die Ratten
Jetzt dringt es durch die Ritzen rein
Die wir vergessen hatten

Was soll aus uns noch werden
Uns droht so große Not
Vom Himmel auf die Erden
Fallen sich die Engel tot

Barlach Lied © Wolf Biermann

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Ok, nicht mein Tag; morgen gibt es angeblich ein neuen.
Mal sehen.

Kommentare:

  1. Mach dich bitte nicht fertig, eins kann ich dir schon mal versprechen, ein Dach über eure Köpfe habt ihr mal sicher bei mir, wenn es wirklich so schlimm kommen sollte! Ich weiß, das ist nicht das,was du hören willst. Aber glaube mir auch das Geld im Gurkenglas kann dir nicht helfen, wenn das Geld nichts mehr wert ist. Was in solch einer Zeit wichtig ist, das sind Freunde, die mit einem durch dick und dünn gehen, und die hast du, dass kann ich dir versichern.
    Auf ein Neues!

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  2. Was für eine wunderschöne Antwort. Tut gut. Danke dir ... wer immer du auch bist!
    :^)

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  3. Neuer Tag -neues Glück

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  4. So ist es.
    Sieht doch gleich besser aus, oder?
    :^)

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  5. Dazu wollte ich schon die ganze Zeit was schreiben. Ich kann das sowas von gut nachvollziehen. Mir geht es absolut ähnlich. Wer weiß wie lange es meine Firma noch gibt. So wie es aussieht gehts dieses Jahr noch zu Ende. Keine Ahnung wie es weitergehen soll.

    Einen neuen Job zu finden ist für mich anscheinend nahezu aussichtslos. Also jedenfalls in dem Bereich, in dem ich im Moment arbeite.

    Ich komme mir vor wie so eine Deutsch-Türke. Bin nirgends richtig zu Hause. Ich bin Gelernte Tippse, habe aber nie in diesem Beruf gearbeitet und als Corel-Kevin bin ich nicht ausgebildet, mache aber seit Jahren nichts anderes. Die einen stellen mich aufgrund meiner nicht vorhandenen Berufserfahrung nicht ein und den anderen fehlen meine Qualifikationen. Ätzend.

    Ich hoffe für uns beide, dass alles ein gutes Ende nimmt. :-)

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  6. Ja, es ist alles ätzend. Bin mir aber (abgesehen von den Tagen, an denen ich sowas wie oben schreibe) sicher, dass sich schon alles zurechtwursteln wird. Hinterm Horizont geht's immer irgendwie weiter ...
    ;^)

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Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!