Schönheitsidealbtraum


Immer wieder tauchen in der letzten Zeit Berichte in den weniger hochgeistigen Medien auf, in denen sensationslüstern sabbernd über die Schönheitsfehler und die ungeschminkte Wahrheit der "Promis" und "Stars" hergefallen wird. Das erste Mal stolperte ich über einen solchen Artikel in einem Gratis-Klatschblättchen. Da ging es darum, dass Salma Hajek in einem Interview (angeblich) seufzte: "Seit einiger Zeit kämpfe ich ganz schön gegen einen kräftig sprießenden Damenbart." Der Schlusssatz des Artikels: Wollte das wirklich jemand wissen? "Ja!" jubelte es in mir, "Ja, ich!" Kann schon sein, dass die Männer es nicht wissen wollten, vor deren innerem Auge die wunderschöne Salma - genau wie sogar bei mir als Frau - sich als atemberaubende Table-Tänzerin in "From dusk till dawn" den Whiskey über's Bein laufen lässt. Ja, ja und nochmals ja! Ich habe so die Schnauze voll von diesem Ideal, das uns normalsterblichen, gesunden, natürlichen Frauen, die ihr Leben am Schreibtisch und am Fließband und im Haushalt und mit den Kindern und der zu pflegenden Schwiegermutter und den Geldsorgen und all dem echten Leben fristen statt im Fitnesscenter und im Schönheitssalon, tagaus-tagein vor die Nase gehalten wird! Wie die Esel laufen wir hinter der Karotte her, die uns an einer starren Stange, direkt ans Hirn gedübelt, das ganze Leben lang unerreichbar vor der Nase baumelt. Im Photoshop geglättete Haut, verlängerter Hals und verlängerte Beine, vergrößerte Augen, kein Härchen wo es nicht hingehört, Orangenhaut weggewischt, Lippen voller gemacht, die Brüste aufgeblasen, die Taille einer magersüchtgen 14-Jährigen eingesetzt, die Finger eines Handmodels drangeschustert, der Po eines Doubles eingepasst und die Haarpracht verdoppelt - wir rutschen auf Knien vor Frankensteins Monster; sind bereit, an unseren Körpern hier was wegschnibbeln und da was annähen zu lassen. Von kleinauf wird uns in Hochglanz-Zerrspiegeln vorgehalten, wie wir auszusehen hätten, wie wir aber nie aussehen werden. In den Läden hängen Klamotten, in die kein normaler Körper passt. Gibt es ausnahmsweise mal die richtige Größe, fragt man sich, wozu dieses Ding in 38 produziert wird, wenn der Schnitt jede natürliche Form verhöhnt? Ich sage nur: Jeans. Ich trage Jeans, die nach vielen Jahren schon auseinanderfallen und suche Nachschub in verstaubten second-hand-Läden, weil diese elenden Hüftjeans nur an unterernährten Teens akzeptabel aussehen und ich bin keiner. T-shirts und Pullover zu kaufen ist ein Ding der Unmöglichkeit: Um das, was die Hosen zu wenig weit rauf reichen, reichen die Shirts zu wenig weit runter. Zwischen Bund und Bund tut sich ein handbreiter Abgrund auf, den bei Gott keiner sehen will. Kleider sind geschnitten, als wären wir alle gebaut wie die Monroe - was oben zu viel Stoff ist, ist in der Mitte zu wenig. Die Modeindustrie setzt trotzdem Unsummen um - wie viel Kohle würde da erst in Bewegung kommen, wenn Kleidung angeboten würde, die man auch tragen könnte? Wenn die breite Masse (wie ich selber eine bin) die Läden nicht immer wieder mit Tränen in den Augen, sondern mit Beute in der Tasche verlassen würde!
So sehr ich mich auf den Frühling freue - dass die Jahreszeit der gnädigen Schlabberpullis und barmherzigen Daunenmäntel vorbei ist, hat auch echte Schattenseiten. Jetzt heißt es figurtechnisch wieder Farbe bekennen.
Danke Salma, für das offene Wort. Hat es mich doch wieder daran erinnert, dass so einiges von dieser unerreichbaren Perfektion nur fauler Zauber ist und dich hat es für mich NOCH schöner gemacht, als du ohnehin immer schon warst!

Kommentare:

  1. phagerli, du weißt, dass du mir aus der seele sprichst ...

    und ich schwinge jetzt noch ein fähnchen für britney spears. die konnte ich ja nie leiden, aber für diese aktion - http://www.mirror.co.uk/celebs/news/2010/04/13/britney-unbrushed-115875-22182119/ - lass ich sie hochleben!

    äh, ich geh mir jetzt eine mozartkugel holen ...

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  2. Danke für den Link ... super! Ich würde es ja absolut begrüßen, wenn das zum Trend würde. Es wäre eine bessere Welt - Psychotherapeuten, Schönheitschirurgen, Pharmaindustrie, Kosmetikbranche und all diese Blut- (oder Fett-?) -sauger würden ganz schön durch die Finger schauen. Wenn sich alle akzeptieren könnten, wie der liebe Gott sie gebaut hat ... dann wäre alles besser. Dann könnte frau sich selbst lieben, weil sie nicht vor sich selber dauernd von diesem allgegenwärtigen Schönheitszwang schlecht gemacht würde und es wäre viel leichter sie/uns zu lieben, wenn sie/wir unbeschwert und selbstsicher wären. Denn wie heißt es immer? Nur wer sich selbst liebt kann es auch zulassen geliebt zu werden und dann klappt es auch mit dem Nachbarn und so ...
    *seufz*
    Vielleicht bricht tatsächlich ein neues Zeitalter an?
    :^)

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