Neulich, beim Friseur.


Ja, ich habe es wieder getan. Nachdem die Frisur langsam nach unten rutschte und ausfranste, betrat ich - mit innerlich gesträubten Haaren - einen Friseursalon. Leider nicht den, der mir nach der letzten Katastrophe empfohlen worden war, sondern den, der am Nachhauseweg eben gerade noch offen hatte.
Ich also rein in den Schuppen und das übliche Ritual abgewickelt. Noch Zeit? Kostet? Waaas? Einiges geklärt und Sonderbehandlungen und Anwendung fantastischer Pflegeprodukte aus Amerika aus dem Kostenvoranschlag canceln lassen und bei 30,- Euro eingependelt. Das Fräulein C ist dann auch noch dazugestoßen. Die wollte schon seit einiger Zeit wieder ganz dringend erblonden und das Ganze wieder ein bisschen fetziger haben. Ich hatte einen nachweihnachtlich gnädigen Tag und lud sie ein. Dunkel erinnerte ich mich zwar an meine großzügigen Worte unter dem Weihnachtsbaum ("Mit der Kohle vom Christkind kannst du natürlich machen was du möchtest - auch erblonden, wenn es unbedingt sein muss."), aber der Reichtum war natürlich längst dahingeschmolzen. Da lagen zu viele Plattengeschäfte und Buchhandlungen auf ihren Wegen. Egal. Zurück zum Friseur. Ich legte also zu meinen 30 noch 60,- Euro fürs Töchterlein und es konnte losgehen.

Der Laden flimmert in Rosa und Violett, die Musik stampft und plärrt, das sehr junge Team macht einen motivierten und lässigen Eindruck. Ich beschließe, mich dem Abenteuer wohlgelaunt hinzugeben, während man auf mich einlabert und ich nur immer abwinke, weil es aus meiner Sicht keine Aussicht auf Verständigung gibt - mehr als zwei Mal nachfragen geht mir nämlich auf die Nerven. Ich werde geduzt, das finde ich lustig. Das Zurückduzen will mir nicht gelingen, immer wieder rutscht mir das "Sie" heraus. Ich meine das nicht böse, aber ab einem gewissen Alter flutscht das "Sie" halt schneller, als man sich auf das "Du" besinnen kann. Ich habe das Gefühl, das kränkt den jungen Haarkünstler etwas, ich kann es nicht ändern.

Lässig schnibbelt er an meinem Stufenschnitt, nimmt sich Zeit, schneidet nie mehr als geschätzte 12 Haare gleichzeitig, dreht zwischendurch die Schere saucool um den Finger wie Clint den Colt - hach, es macht Spaß.
Nebenan wird das Fräulein C gefragt, womit ihr Haar denn bereits vorbehandelt wäre und sie unterrichtet die Sachverständige, dass es sich großflächig um Henna handle und partiell um Blodierzeugs und dann bekommt sie auch schon die Blondpampe an die Birne geschmiert. Sieht lustig aus.
Und das mit dem Henna hatte ich gehört, da war wohl gerade Pause zwischen zwei Discohits. Ich kann bezeugen, dass die Aussage getroffen worden war und dass diese akkustisch wie inhaltlich von der Fachkraft verstanden worden war, Herr Vorsitzender! Kann natürlich auch sein, dass die Frisierschnecke mit dem Arschgeweih bereits einen Hörschaden hat (was mich bei dieser Dauerbeschallung nicht wundern würde) und - wie ich - sich aufs Nicken und Abwinken beschränkt hätte. Möglich.

Nunja ...

Wer "Der Mann, der vom Himmel fiel" gesehen hat, weiß, welche Haarfarbe David Bowie in dieser Rolle hat. Ich habe mich immer gefragt, wie man diese Farbabstufung hinbekommt - jetzt bin ich schlauer: erst Henna und 3 Monate später blondieren. Das gibt einen affengeilen Verlauf, der an den Wurzeln mit Blond beginnt und zu den Spitzen hin immer karottiger wird. Das Team läuft zusammen, man schlägt die Gummihandschuhe über den gestylten Köpfen zusammen, man stellt sich auf ein Donnerwetter ein. Madame Arschgeweih behauptet, nie was von Henna gesagt bekommen zu haben. Das Fräulein C und ich finden es lustig, kam die Süße dem Style ihres Idols doch optisch noch nie so nahe. Nachdem wieder Ruhe im Hühnerhof eingekehrt ist, die aufgewirbelten Federn der Hysterie zu Boden gesunken sind, geht es ans Schneiden.

Nunja ...

Kommen wir nun zu einem Phänomen, das mir völlig schleierhaft ist: Zeige einem Friseur ein Foto von einer Frisur die du haben möchtest, und vergleiche es dann mit dem Ergebnis. Ich hoffe, so ein Friseur muss nie als Zeuge zu einer polizeilichen Gegenüberstellung. Wenn ein Schlumpf ihm das Täschchen geklaut hat, wird er hinter dem verspiegelten Fenster garantiert wildentschlossen auf Hulk oder Winnetou zeigen.

Dass man mich mal wieder ziemlich dämlich gefönt hatte, will ich jetzt gar nicht näher erläutern, das muss offenbar so sein. Nur ... was diese Mode bedeuten soll, bei der einem die kinnlangen Strinfransen ans Gesicht gepappt werden, so dass man emoartig einäugig durch die Welt taumeln muss und dazu permanent den Reflex, sich die kitzelnden Fransen aus dem Gesicht zu streichen, unterdrücken muss, erschließt sich mir nicht. Mag an mir liegen. Aber halb so schlimm: So lange ich an der rechten Hand fünf gesunde Finger habe, habe ich auch keine Probleme, mit ebendiesen richtungsweisend und wiederholt durchs Haar zu fahren, um diesen Schleiertanz zu beenden und mir (kitzel-)freie Sicht zu verschaffen. Wenn das den Künstler, in dessen Hand die Rundbürste noch nicht einmal abgekühlt ist, kränkt, ist das sein Problem.

Zuhause hat mir das Fräulein C die Schere in die Hand gedrückt und ich habe mir den Haarreifen von nach dem letzten Friseurbesuch ans Hirn geklemmt und dann habe ich lustig drauflosgeschnibbelt und jetzt sieht das beim Fräulein C echt klasse aus. Frisurtechnisch eine Mischung aus dem jungen Rod Stewart und Jody aus Pulp Fiction. Und das alles in der Farbe von Thomas Jerome Newton.

Das Fräulein C sagt, das nächste Mal kommt sie gleich zu mir und sie wünschte, das würde nie rauswachsen, weil so super war das überhaupt noch nie.

Bitte. Geht doch.
Ein guter Friseur ist schon sein Geld wert, was?

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben. Ich kann jetzt wieder ein "Frauenleiden" besser nachvollziehen. :)
    Übrigens hab ich vor Jahren das letzte Mal Geld für einen Friseur ausgegeben, der hieß Braun und das war gleichzeitig eine Flatrate, bis heute. :D

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  2. Na, vielleicht doch den falschen Beruf ergriffen? Man kann angeblich auch mit einem IQ, der über dem eines Schafwollpullovers liegt und ganz ohne "Arschgeweih" Friseur werden... :)

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  3. danke, vielen dank, ich muss auch wieder ...
    allerdings hab ich doch endlich meinen perfekten friseur gefunden: keine anmeldung, keine wartezeit, sehr zufriedenstellender schnitt ohne diverse pampen und mit selber föhnen um knapp über 20.- ... hoffentlich gibt es den laden noch lange ...
    hab grad geschaut, in wien haben die noch keine filialen, aber verbinde das doch mal mit einem linz-wochenende :^)

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  4. fönen-fönen-fönen ...
    aber heute haben wir wieder föhn der möglicherweise mein kopfweh verursacht, also ...

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  5. blogg-hittn-wirtin9. Januar 2011 um 11:48

    @ Uli
    Zwei, drei mal probiere ich es noch. Dann bin ich auch bereit für so ein Flatrategerät. Ich schwöre.

    @ Michael
    Du wirst lachen: Es würde mir theoretisch schon Spaß machen. Was mich abhält, ist die Tatsache, dass zum Friseur nicht nur lecker Leute mit ganz frisch gewaschenen Haaren kommen. Mich würde es wahrscheinlich den halben Tag ekeln. Wer weiß, was einem Friseur so alles unter die Finger kommt, wenn der Tag lang ist. *schluck*

    @ bibib
    Das mit dem Föhn und dem Fön ist auch eine meiner Schwachstellen. Eines der Wörter, die ich immer ganz schnell heimlich googlen muss.
    Das mit den Filialen ist immer so eine Sache. Preislich stimmen die natürlich überein, aber ob die Kollegen dann auch gleich vernünftig ihres Amtes walten, wie der Spezialist, bei dem du warst, ist halt immer die Frage ... das mit dem Linzbesuch ist in diesem Sinne (und nicht nur in diesem)also eine famose Idee!
    Gute Besserung!

    :^)

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  6. schaut ja wirklich gut aus. Fazit: das nächstemal nicht mehr zum frisör gehen, sondern selbst ist die mama!!!

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  7. blogg-hittn-wirtin11. Januar 2011 um 19:23

    Jup. Manche Berufe sind tatsächlich überbewertet, was? Nein, nur Spaß. Es gibt bestimmt Friseure, die echte Zauberer sind.

    Bestimmt.

    Doch.

    Hmmm.

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