Abenteuergastronomie deluxe

Meine Mama sagt, wenn es kompliziert ist, soll man einfach ganz vorne anfangen zu erzählen. Also:

17.30 Uhr
Da ich als BHS (bekennende Haushaltsschlampe) aufgehört habe sonntags für meine Lieben zu kochen, überkommt uns Hunger.

17.35 Uhr
Wir sitzen im Hinterhofgastgarten der nächstbesten Pizzeria.

Es stinkt nach Mülleimer und der Süße schlägt einen Lokalwechsel vor. Ich winke ab. Nicht so wild.

17.45 Uhr
Wir dürfen endlich bestellen. Eine Pizza Romana OHNE KNOBLAUCH und ohne Paprika. Eine Pizza Romana OHNE KNOBLAUCH.

Es brizzelt in der elektrischen Insektenfalle irgendwo links hinter mir und das Hundchen unter dem Nachbartisch würgt.

18.00 Uhr
Am übernächsten Tisch, an dem sechs Personen sitzen, wird die erste Pizza serviert.

18.10 Uhr
Wir bekommen unsere Getränke. Eines im Glas, eines zur Hälfte daneben am Tischtuch. Der Süße schlägt einen Lokalwechsel vor. Ich winke ab.

18.15 Uhr
Der Hund vom Nachbartisch kotzt unter seines Herrchens Stuhl. Keiner merkt es. Nur ich und der Süße, nachdem ich ihn - er sitzt mit dem Rücken zur Szenerie - darauf aufmerksam mache. Ich selber sitze mit dem Rücken zur überdachten Bügelkammerrumpelecke. Der Süße schlägt einen Lokalwechsel vor. Ich winke ab. Ich will es jetzt wissen.

Es brizzelt in der elektrischen Insektenfalle irgendwo links hinter mir.

18.30 Uhr
Am übernächsten Tisch, an dem sechs Personen sitzen, wird die zweite Pizza serviert.

18.35 Uhr
Am übernächsten Tisch, an dem sechs Personen sitzen, wird die dritte Pizza serviert.

Es brizzelt in der elektrischen Insektenfalle irgendwo links hinter mir.

18.37 Uhr
Man bringt einige Tellerchen mit Besteck - ein Teil des Bestecks schafft es bis zum Bestimmungsort. Ein Teil schafft es nicht.

18.40 Uhr
Am übernächsten Tisch, an dem sechs Personen sitzen, wird eine Portion Spareribs serviert.

18.45 Uhr
Die Sonne verschwindet hinter den Dächern, die Spinnen kommen aus den grob zusammengezimmerten Trennelementen, die den Gastgarten vom Parkplatz trennen.

18.50 Uhr
Die Küchenhilfe erscheint mit einem dürren alten Männchen in langem schwarzem Kleid und schwarzem Käppi. Es ist über und über mit Gold und Silber behängt und folgt ihr am Bügelbrett vorbei hinter den windschiefen Blickschutz zum Parkplatz. Dort segnet das Männchen in einer verwirrend knappen Zeremonie den offenbar nagelneuen Firmenwagen des Restaurants um ebenso schnell wie es herangetrippelt ist, wieder durch die Küche zu verschwinden. Die mollige Küchenhilfe trottet hinterher und wischt sich dabei ständig die Hände in der Schürze ab.

19.00 Uhr
Am Nachbartisch wird eine Pizza serviert.

19.05 Uhr
Am Nachbartisch wird eine Pizza serviert.

Es brizzelt in der elektrischen Insektenfalle irgendwo links hinter mir und es stinkt nach Mülleimer.

19.10 Uhr
Am Nachbartisch wird die nächste Pizza serviert.

19.15 Uhr
Am Nachbartisch wird die vierte und letzte Pizza serviert. Ich lehne ein weiteres Angebot das Lokal zu wechseln ab.

19.20 Uhr
Der Wirt kommt mit einer leeren Pizzaschachtel an den Nachbartisch um die Reste der ersten Pizzen mitnehmfertig zu verpacken und freut sich wie Bolle, da die Reste eine komplette Pizza ergeben.

Es brizzelt in der elektrischen Insektenfalle irgendwo links hinter mir. Der altersschwache Haushund kommt aus der Küche gelatscht und schnuffelt den Hof systematisch ab. Er findet, was er finden musste und freut sich. Es scheint zu schmecken. Mein Hungergefühl schwindet.

19.30 Uhr
Wir bekommen unsere Pizza. Eine mit Knoblauch und eine mit doppelt Knoblauch.

19.35 Uhr
Im fünften oder sechsten Stock klopft jemand hinter mir etwas am Fensterbrett aus - nur ein Aschenbecher, sagt der Süße und zuckt beruhigend die Schultern.

19.45 Uhr
Wir haben unsere Pizza ausreichend benagt um tagelang nach Knoblauch zu stinken. Der Gastgarten hat sich geleert, wir sind die letzten Gäste. Der Wirt versucht, uns als Entschädigung für den Knoblauch Schnaps einzuflößen und einen Salat einzupacken. Wir können uns ihm entwinden und flüchten durch den Gang an der Küche vorbei, wo sich links und rechts Baumaterial, Schmutzwäsche und Papiere stapeln und durch das leere Lokal, wo der Haushund zufrieden schnarchend vor dem Tresen liegt und hinaus auf die Straße.

Hast du das Britzelding im Gang gesehen? fragt mich der Süße. Nein, sage ich, ich konnte meinen Blick nicht vom Restmüll losreissen. Was war denn damit? Es stand am Boden, sagt er. Und was da zu Fuß reinlief und britzelte, das waren Kakerlaken. Ich hatte ja einen Lokalwechsel vorgeschlagen, schiebt er unsicher hinterher.

Ich fassungslos: Und sich das alles hier entgehen lassen?!

Außerdem war die Pizza eigentlich ziemlich lecker.

Kommentare:

  1. Schaut das eigentlich nur so aus oder ist da ein eleganter grüner Teppich statt eines Rasens zu sehen?

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  2. Rasen? In einem betonierten Hinterhof am aller-aller-äußersten Rand von Istanbul / einem Wiener Gürtelbezirk? Der Herr belieben wohl zu scherzen ...

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  3. Boah, der Süße hat aber eine Engelsgeduld, was ist der Leidensfähig. Meine Hochachtung! Mit mir wäre das nie und nimmer, auch nur 5 Minuten gut gegangen. Geschweige denn hätte ich da irgendwas bestellt. Kurze Frage noch: Das letzte Bild, zeigt das einen Live-Ausschnitt der servierten Pizza und seid ihr sicher das alle Kakerlaken in den Bruzzler gelatscht sind? Seit dem Verfassen des Beitrages sind 2 Tage vergangen und auf Kommentare wurde auch nicht geantwortet. Ich hoffe es geht euch gut. Aber bis zum 25. sollte so einen Lebensmittelvergiftung auch wieder abgeklungen sein. *däumchen drück* Gute Besserung.

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  4. Ohja, leidensfähig ist er. Wer mich 10 Jahre lang aushält, den kann so eine Restaurant nicht weiter erschüttern. Das letzte Bild - das zeigt die Extraration Knoblauch und die hässlichen grau-beigen Würstchen, das sind Sardellenfilets, die übrigens wirklich köstlich waren. Sollte sich die eine oder andere Kakerlake auf die Pizza verirrt haben, kann ich den Tierchen in dieser Gaststätte blühende Gesundheit attestieren. Bislang keine Spur von Lebensmittel- oder sonstiger Vergiftung.

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  5. Freud mich zu hören und jetzt hab ich noch mehr Hochachtung. ;)

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  6. Kakerlaken sind letztlich auch nichts weiter als eine Zusatzration Protein.

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  7. @ Matt
    Richtig. Und mit etwas Liebe zubereitet sollen die ja ganz lecker sein. Bei freier Entscheidungsmöglichkeit würde ich mich aber feige für Beutetiere im zwei*- bis vierbeinigen Bereich entscheiden.

    * Zwei Beine sind ok, wenn statt der zwei fehlenden Beine Flügel dran sind. Weniger als zwei und mehr als vier Beine akzeptiere ich nur in Kombination mit Kiemen und anderen, nicht luftgebundenen Atmungssystemen.

    @ Uli
    Jetzt sickert's! Seit Tagen überlege ich, was es mit dem 25. auf sich hat und soeben ist der Groschen gefallen! Der Fotomarathon! Womit wir wieder beim Thema Alzheimer wären, was?

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  8. Also das Foto wirkt auf mich, wie eine dieser anschaulich-exemplaischen Abbildungen in einem Lehrbuch für angehende Chirurgen. Scheint sich jedenfalls um etwas ganz seltenes und wenig erforschtes zu handeln.

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Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!