neulich im 71er

Zentralfriedhof, Tor 2. Eine Frau mit einem ca. Fünfjährigen steigt zu. Der Kleine schleppt einen langen, gegabelten Ast mit sich, mit dem er schon beim Einsteigen einem gebrechlichen Großväterchen beim Aussteigen den Weg versperrt. Man sortiert sich in einen 2er-Sitz.
In der Reihe dahinter sitzt eine ältere Dame, die den Kopf weit zurücklehnen muss, um dem Ast auszuweichen. Als sich der Kleine umdreht um die Umgebung zu sondieren, sagt die ältere Dame - freundlich und wohlwollend - er müsse mit dem schönen, großen Ast ein bisschen vorsichtig sein, damit könne man jemanden im Gesicht oder gar am Auge verletzen.

Die Mutter dreht sich um, die ältere Dame lächelt und zeigt auf ihre Brille: "Mich persönlich stört es ja ni ..."
"Mich auch nicht!" faucht die Mutter laut und mit giftigem Demonstrativgrinsen; die alte Dame dreht sich betreten und verlegen weg.

Ich schäme mich.

Kommentare:

  1. Nicht schämen, handeln! Sorry für meinen Imperativ. Bei sowas setzt mein Gerechtigkeitsinstinkt schlagartig ein.
    Früher war ich auch immer paralysiert, aber inzwischen kenne ich da nicht mehr und würde einfach hingehen und sagen, '...aber mich! Entweder Sie nehmen in einem öffentlichen Verkehrsmittel bitte Rücksicht auf die anderen, oder Sie steigen nächste Station aus und gehen zu Fuß.'

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    1. Überflüssig. Leute, die so agieren, sind erfahrungsgemäß sowohl beratungsresistent als auch gar nicht fähig, ihr Tun zu reflektieren. Solche Situationen sind nur kleine Fenster, durch die man einen kurzen Blick auf ihr gesamtes Sein erhaschen kann.
      Denke ich.

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    2. Jo?-o. ... verstehe ich auch. Wie ich Dich anhand Deiner Texte kennen gelernt habe, hast Du die Situation ohnehin bestens im Gefühl. Und ich muss mich manchmal in acht nehmen, nicht zu einem dieser Querulanten zu werden, die dann überall ihren Senf dazu geben.

      Mir haben sich da einfach bereits beim Lesen die Nackenmuskeln verkrampft. Was soll nur aus dem Kleinen werden?

      Andererseits weiß ich aus eigener Erfahrung, wenn auch nur eine empathische Bezugsperson vorhanden ist, dann kann sich daraus ein reflektiver, gewissensgeprüfter Mensch entwickeln.

      Umgekehrt herrscht für mich stets innerliche Advent-Stimmung, wenn ich Eltern mit Kindern sehe, die ein offenes, gleichwertiges, zugewandtes, achtbares zwischenmenschliches Verhältnis haben.

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  2. Ja, solche seltenen, leuchtenden Exemplare stechen ganz schön aus der trüben Masse raus.

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Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!