Geisterbahngespräche

U3. Morgens. Rushhour.
Eine zittrig gebrechliche aber durchdringend laute, wütend empört zeternde Hutzelweibchenstimme. Sehen kann ich die Sprecherin in der vollen U-Bahn nicht, dem Tonfall und den Gesprächspausen nach handelt es sich um ein Telefonat.

"Was glauben sie denn? Renate Berlauer ist tot!" ... "Renate Berlauer ist schon lange tot!" ... "Und sie haben gesagt, der Teufel würde dann verschwinden aber das ist er nicht!" ... "Sie haben doch den Schlüssel!" ... "Na, welchen Schlüssel. Den Schlüssel zum eisernen Tor neben dem Kino." ... "Natürlich haben Sie den!" ... "Natürlich haben Sie den!" ... "Natürlich haben Sie den!"

Ich mache mich bereit zum Aussteigen, halte Ausschau und entdecke sie von der Tür aus, kurz bevor ich raus muss. Sie ist so klein und zart, wie ich sie mir vorgestellt habe, sitzt auf einem Fensterplatz. Die Füße in den altmodischen Stiefelchen baumeln - wie bei einem Schulkind - knapp über dem Boden. Sie ist gepflegt wie ein Püppchen, die weißen Haare liebevoll (aber offensichtlich selbst und ohne Spiegel) lockenwicklergerollt, Lippen und Umgebung kräftig rosa angemalt. Der grau-weiß melierte Wollmantel, der in den 60ern des vorigen Jahrhunderts ein absolutes Must Have war, ordentlich bis oben zugeknöpft. Die Hände, die an Vogelfüße erinnern, umklammern auf ihrem Schoß - um ihn umfassen zu können mit weit gespreizten Fingerchen - einen irrwitzig dicken und wirren Schüsselbund.
Ich kann noch den letzten Satz mitbekommen, bevor sie das Gespräch wütend beendet:

"Ach, hören Sie doch auf!"

Es war übrigens kein Telefonat. Sie sprach mit ihrem eigenen Spiegelbild in der Fensterscheibe vor dem dunklen U-Bahn-Schacht.

Das war gruselig.

Kommentare:

  1. Oh ja, das IST gruselig. Alzheimer?

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  2. Da bin ich überfragt - mit so was kenne ich mich nicht aus.

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Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!