"Die durch die Hölle gehen" oder: Morgens in der U6

Freitag, 7.30 Uhr, rush hour. 
Eine U6-Garnitur ist auf dem Weg in die Remise aus den Schienen gesprungen, der Verkehr wird auf einem großen Abschnitt der Strecke eingleisig geführt. Unregelmäßige, lange Intervalle, überfüllte Züge, angenervtes Publikum. Mein nächster Sardinenbüchsenmitmensch stinkt ungewaschen. Sein verbeulter, leicht schmuddeliger Rucksack drückt gegen meine - schützend vor die Brust geschobene - Handtasche. In seinen Haaren, die viel zu knapp vor meiner Nase unter seiner Basecap hervorstehen, hängt ein weißer Fussel mit Krümeln. Flach atmend starre ich die Krümel an und bin mir nicht sicher, ob diese sich wirklich bewegen oder ob mir meine etwas angespannten Nerven einen Streich spielen. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, dass die Dame, die sich von links hinten an meinen Ellbogen presst, alle 30 Sekunden mit einem überdimensionalen "Labello" (Oder ist es ein Uhu-Stick in Haushaltsgröße?) in hektischen, großzügigen Bewegungen über den Mund, bzw weitgehend über die untere Gesichtshälfte, schmiert. Ich konzentriere mich auf die indischen Mantras, die aus meinen Kopfhörern schnörkeln.
In jeder Station das selbe Theater: Viele Menschen wollen aussteigen und noch viel mehr Menschen wollen einsteigen und das am besten bitte gleichzeitig. Natürlich wird das alles begleitet von Schimpfen, Fluchen, Drängeln und Drücken. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass hier ALLE stinken. Wahrscheinlich tun sie das auch. Ich konzentriere mich auf die indischen Mantras, die aus meinen Kopfhörern schmeicheln.
Rechts von mir eine Frau, die mir ungefähr bis zur Nase reicht. Ihr struppig-knitteriges Haar ist hoch am Kopf zusammengebunden und zu einem kläglich dünn auslaufenden Zopf geflochten. Aufgeregt versucht sie, mit allen Umstehenden ins Gespräch zu kommen - irgendwo muss man ja mit seiner aufgebrachten Meinung in gebrochenem Deutsch hin - und dreht den Kopf dabei wie ein Huhn auf der Futtersuche ruckartig zustimmungheischend in alle Richtungen. Bei jeder dieser Bewegungen streift sie mit dem angenagten Borstenpinsel, den das Ende ihres Zopfes bildet, über meinen nackten Oberarm. Himmel, es hat hier drinnen gute 30° aber würde mir jemand Ölzeug anbieten, ich würde es sofort überstülpen! ... Hare Rāma, Hare Rāma Rāma Rāma Hare Hare ...

Wir erreichen die Station, an der ich (zusammen mit zwei Drittel der Stinktiere hier) raus will. Der Zug fährt im Schritttempo in die Station, mehrere Hundert Menschen am Bahnsteig drängeln am schleichenden Zug entlang mit, damit sie nur ja ganz vorne mit dabei sind, sobald sich die Türen öffnen. Und dann - RUMS! - steigt der Fahrer in die Eisen! Klar, es war nur lahmes Schritttempo aber die abrupte Bremsung hat zur Folge, dass wir Alle im Zug kurzfristig die nervös mitdrängelnde Menge am Bahnsteig überholen. Alles fliegt übereinander, mühsam vermiedener Körperkontakt wird in Sekundenbruchteilen zum vollen body check, ich schlage - obwohl einhändig verzweifelt an einen Galgen geklammert - mit der Hüfte gegen die Kante einer Sitzlehne. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie meine gesamte Breitseite schwarzblau anläuft, der Schmerz zieht von Kniekehle bis Schulter und zurück  ... go-howii-iinda, lalita-lavaṅga-latā-pariśīlana-komala-malaya-samīre* ...
Der Vorteil, den die Bremsung gebracht hat: Die Frau mit der Pinselquaste wurde zwischen zwei Geschäftsmänner hindurchgewürfelt, die mit ihren langärmeligen Hemden unvergleichlich angenehmere Körperkontaktkandidaten sind. Der Nachteil: Irgendjemandem hier wurde die nervliche Belastung wohl zu groß ... was hier inzwischen in der Luft liegt, kann kein simpler Furz gewesen sein, das riecht nach einer manifesten Quelle.
Der Zug steht also.
Gleich werden die Türen aufgehen.
Die Türen gehen sicher gleich auf.
Jeden Moment werden die Türen aufgehen.
Die Türen gehen nicht auf.
Immer noch nicht.
Ich konzentriere mich auf die indischen Mantras, die aus meinen Kopfhörern säuseln.
Erstes Schieben von hinten, obwohl für alle gut erkennbar ist, dass die Türen noch pumpfest zu sind. Stimmen werden laut. Man beschwert sich, dass die da vorne offenbar zu blöd sind, den Knopf zu drücken, man soll halt bitte den Knopf drücken, man wolle hier hinten aussteigen. Ach was.
Statt des ersehnten Aufgleitens der Türen kommt nach schätzungsweise 2 Minuten eine Durchsage: Sehr geehrte Fahrgäste, bitte um etwas Geduld, die Fahrt geht gleich weiter. Ein Kind, das wohl auf dem Weg zur Zeugnisverteilung hier irgendwo zwischen Bäuchen und Ärschen klemmt, beginnt haltlos zu weinen und zu schreien, es müsse aber hier aussteigen. Es kristallisiert sich ein sehr schönes Phänomen heraus: Alle mit einem IQ über 80 reden beruhigend auf das Kind ein und bemühen sich um Deeskalation. Die erdrückende Restmenge stimmt strohfeuerzündelnd und sensationsgeil in die kindliche Panik ein und verkündet lautstark, dass das eine Frechheit sei, dass man hier rausmüsse, dass der doch nicht weiterfahren könne, dass das ein Wahnsinn sei und dass halt endlich jemand auf den Knopf drücken soll, weil man hier aussteigen will.
Als der Zug sachte wieder anrollt um nur noch einen einzigen Meter vorzuziehen, damit er korrekt in der Station steht um die Türen öffnen zu können, bricht empörtes Geschrei und Geschimpfe aus, weil man doch um Himmels Willen hier aussteigen hätte müssen. Oh Mann. Und ich mittendrin und vor mir der ungewaschene Rucksacktyp und der weiße Fussel mit den Krümeln ist *kreisch* aus seinen Haaren verschwunden.
Die Mantras sind zu Ende, Rammstein ist jetzt natürlich keine gute Idee aber was soll ich machen.
Endlich öffnen sich die Türen, die Massen schieben sich in einer Blödheit, die jeder Rinderherde auf der Laderampe zur Verschiffung zur Ehre gereichen würde gegeneinander. Aber ich bin irgendwann endlich draußen!
Die Rolltreppe ist - wie es aussieht - auf mehrere Tage ausgebucht also fließe ich mit der Masse die Treppe hinunter und plötzlich schlittert ein Trolly an mir vorbei und kurz danach kommt - Kopf voraus - die Besitzerin hinterhergepeppelt. Einige Personen bleiben stehen, versuchen, sie wieder auf die Beine zu stellen, ihr Hab und Gut zusammenzusammeln. Die Rinderherde dahinter ist mit der Option Stehenzubleiben offenbar intellektuell überfordert und stolpert und latscht quer über das Geschehen. Zum Glück verläuft der Zwischenfall im Ganzen glimpflich, keine weiteren Sturzopfer, niemand verletzt.
Ich verlasse das Stationsgebäude, genieße einen Atemzug lang die frische Luft und das Ausbleiben jeglicher Fremdkörperberührung und gönne meinen Nerven auf dem Weg um die Ecke - also bis zur Busstation - ein versöhnliches, entspannendes, beruhigendes, duftendes Zigaretterl. Der Anblick der Busstation, die friedlich in der Morgensonne döst und nur vereinzelt Wartende aufweist, löst in mir Empfindungen aus, die man sonst wahrscheinlich nur hat, wenn sich in den sich setzenden Staubwolken nach einem Wüstensturm das saftige Grün und kalte Blau einer idyllischen Oase abzeichnen. 


Den klapprig dürren Alt-Junkie mit dem struppigen grauen Bart und den eiskalten Händen, der im halbleeren Bus unbedingt genau meinen Stehplatz haben wollte und mich dies wissen ließ, indem er mich durch Schieben mit voller Körperlänge aus meiner Position drängte, habe ich dann auch noch hingenommen.


geplante Fahrtdauert: 50 Minuten
reale Fahrtdauer: 90 Minuten
gefühlte Fahrtdauer: 1,5 Tage
dringendste Bedürfnisse: duschen, Zähne putzen, Klamotten verbrennen, Whisky mit zwei Eiswürfeln


Jau.

Wenn der Chef jetzt bei meinem Eintreffen demonstrativ auf die Uhr schaut, salutiere ich mit den Spitzen von Zeige- und Mittelfinger an einer gedachten Hutkrempe, drehe mich um und gehe wieder.


*... unter malayischem, duftende Nelkengebüsche besuchendem Hauche ...

Kommentare:

  1. I feel you. Habe mich mittlerweile auf in-die-Arbeit-joggen oder aus-der-Arbeit-heim-joggen verlegt. Schneller als mit den Öffis, Vermeidung von U6 (und U4, die nur wenig besser ist) und Frustrationsabbau ist inkludiert. Summer in the city sucks.

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  2. Joggen statt Öffifahren ist natürlich eine löbliche entscheidung. Für mich persönlich allerdings indiskutabel. 1. Ich käme wohl durchgeschwitzt und energetisch aus dem letzten Loch pfeifend in der Firma an. 2. Ich müsste die Tagesklamotten wohl in einem Rucksack mitbringen? 3. Die Vorstellung, am Abend den ganzen Weg zurückrennen zu müssen, treibt mir schon bei der rein hypothetischen Vorstellung nicht nur die Schweißperlen auf die Stirn sondern viel mehr noch die Tränen in die Augen. 4. Ich müsste wohl um 6 Uhr morgens losschwartlen, um zu einer vertretbaren Zeit in der Firma anzukommen. 5. Ganz ehrlich? Ich bin schon froh, wenn im Pensionistentrab bis zur U-Bahn schaffe. Von 1030 nach 1230 rennen? Hmmm ... über die Tangente? Oder wie? Näää. Nä, das wird nix.
    Winter sucks übrigens genau so. Und Frühling und Herbst auch. Nur weniger heiß halt. ;-)

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  3. Aber Winter suckt weniger stinkend, gebe ich zu bedenken. Und bei der Geschichte mit dem joggen bin ich zugegebenermaßen einfach aus Zufall privilegiert... Es sind nur 5 km, das ist überschaubar. 1030 nach 1230 - headshot, das wird noch ewig dauern bis ich das konditionell dablas. Aber einmal über die Donau, das krieg ich hin. Auf der Strecke hängt sich der Rucksack nicht zu sehr an. Mein Arbeitgeber bietet außerdem Duschen, was durchaus auch sehr vorteilhaft ist ;) Sobald ich aber Bezirke wechsle (und der Tag wird kommen...) kann ich mir diese wunderschöne Lösung auch am Bauch picken ;)

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  4. Ja, es ist schon richtig. Der Winter stinkt ein bisschen weniger. Oder sagen wir: Seltener aber dafür intensiv ... ich dag' nur: Nasse Daunenjacken.
    5 km ließe ich mir auch gefallen. Nicht joggend aber gerne zu Fuß - ja, das ginge. :-)

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  5. Apropos, bei Türen immer Vorsicht: In der U6 habe ich mal erlebt, wie sich während der Fahrt eine Türe selbständig geöffnet hat.
    Das sorgt zwar zu Stoßzeiten für Frischluft und ggf weniger Gedränge, aber dazu muss man erst mal selbst drin bleiben.
    Gemäß einer sehr professionell formulierten Email-Reaktion der Verkehrsbetriebe funktionieren die Türen anscheinend nicht nach einem ausfallsicheren System.
    Also, immer schön anhalten.

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  6. Ergehe mich gerade in wohltuenden Phantasien, in denen so mancher meiner Lieblings-U6-Kollegen mitsamt Knoblauchdunst, Handygeschnatter, Dönerjause, tschinnernden Kopfhörern und Red-Bull-Für-Arme-Dose durch die plötzliche Türöffnung ins dunkle Weltall hinausgesaugt wird. Nicht schlecht, nicht schlecht ...

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Biiitescheeen-daaankescheeen-allesGute!